Wer öffentlich Position bezieht, muss mit Reaktionen rechnen und mit Kritik leben. Die Erkenntnis, dass man nicht jedermanns Geschmack treffen kann, ist so alt wie das Theater selbst. Und auch diese Einsicht ist eine grundlegende: Ein guter Spielplan sollte mehr bieten als nur Gefälligkeitstheater ohne Ecken und Kanten. Insofern gehen die neuen Intendanten der Wuppertaler Bühnen einen konsequenten Weg: Sie setzen zum großen Teil auf zeitgenössische, durchaus provokante Stücke.

Das mag für manchen Zuschauer an die Grenzen seines persönlichen Geschmacks gehen. Die eigene Kinderstube sollte man dabei aber nicht vergessen. Die Grenze des guten Benehmens wurde am Samstagabend jedenfalls deutlich überschritten. Zwei Zuschauer aus Reihe eins sind mitten in der Premiere des Stücks "Ich Tasche" aufgestanden und gegangen - was in einem derart kleinen Raum nicht nur auffallend unhöflich ist, sondern den Spielbetrieb auch sichtbar stört.

Noch demonstrativer war der Ruf einer Zuschauerin nach Ende der Aufführung: "Also dafür braucht Wuppertal wirklich kein Schauspielhaus!" Natürlich hat jeder Gast ein Recht auf seine eigene Meinung, zumal er für dieses "Vergnügen" ja auch bezahlt. Sie derart respektlos zu äußern, missbilligt allerdings vor allem den Einsatz der Schauspieler, die sich verausgabt haben. Wer ins Kleine Schauspielhaus geht, muss damit rechnen, dass ihn keine bildungsbürgerliche Idylle, sondern ein Bühnenexperiment erwartet.

Die Spielstätte ist als Versuchslabor gedacht - dahinter steckt ein grundsätzliches Konzept. Im Einzelfall sollen und dürfen sich daran die Geister scheiden. Die Art und Weise, wie man Kritik übt, sollte jedoch die Form wahren. Selbst wenn die jüngste Produktion in manchen Augen keine runde Sache sein mag, macht sie Sinn - weil man sich an ihr reiben kann. Denn auch das ist eine wichtige Erkenntnis: Ein Theater, über das man nicht mehr diskutiert, ist bereits tot und abgeschrieben.

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