Dieter Verst, Jugendamtsleiter, hält Pflegefamilien für sinnvoll – wenn sie richtig betreut werden.

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Jugendamtsleiter Dieter Verst sucht mehr Pflegeeltern.

Jugendamtsleiter Dieter Verst sucht mehr Pflegeeltern.

Andreas Fischer

Jugendamtsleiter Dieter Verst sucht mehr Pflegeeltern.

Wuppertal. Nach dem Gutachten einer Unternehmensberatung sollen mehr Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden - und das nach dem Fall Talea. Von 100 zusätzlichen ist die Rede.

Wie soll das gehen, wo es doch jetzt schon schwierig ist, Familien zu finden?

Dieter Verst: Wir halten das grundsätzlich für möglich. Die beste Werbung sind zufriedene Pflegeeltern. Die Pflegeeltern waren im letzten Jahr nach dem Fall Talea zum Teil etwas irritiert, weil man ihnen unterstellt hat, keine gute Arbeit zu machen. Wir haben das Gefühl, dass diese Phase vorbei ist. Wir setzen darauf, die Pflegefamilien eng zu betreuen und sie in Krisenzeiten zeitnah zu unterstützen. Und darauf, dass dieses sich herumspricht und wir dadurch neue Familien gewinnen.

"Pflegefamilien sind aus fachlichen Gründen sinnvoll."

Dieter Verst

Also allein Mund-zu-Mund-Propaganda?

Verst: Außerdem wollen wir mit freien Trägern sprechen, ob sie sich vorstellen können, Pflegefamilien zu suchen und zu betreuen. Die Träger können Kreise erschließen, an die wir als Stadt nicht heran kommen. Zusätzlich suchen wir verstärkt Familien für Zehn- bis 18-Jährige. Da versuchen wir im Umfeld der Herkunftsfamilien, in den Schulklassen und im Freundeskreis der Kinder auf Familien zuzugehen.

Bei uns haben sich mehrfach Pflegefamilien gemeldet, die sich vom Jugendamt allein gelassen fühlen.

Verst: Das kann in Einzelfällen immer mal wieder vorkommen. Wir werden genügend Personal bei Stadt und freien Trägern bereitstellen, um die Familien intensiver zu betreuen. Das Gutachten hat ja auch ergeben, dass eine zusätzliche Stelle für die Betreuung der Familien nötig ist. Damit würde der Pflegekinderdienst von 6,25 auf 7,25 Stellen aufgestockt.

Die Kinder haben oft viel durchgemacht - sind traumatisiert, wurden geschlagen oder haben einen Alkohol-Hintergrund. Sind Laien damit nicht überfordert?

Bisher gibt es in Wuppertal 350 Pflegestellen, damit leben 39 Prozent der Kinder, die nicht bei ihren Herkunftsfamilien aufwachsen, in Pflegefamilien.

Für Kinder bis 7 Jahren bekommen Pflegeeltern 458, bis 14 Jahren 525 und für Kinder über 14 Jahren 638 Euro monatlich. Das Kindergeld wird beim 1. Kind hälftig, bei weiteren Kindern zu einem Viertel abgezogen. Außerdem gibt es für alle Altersklassen 219 Euro zusätzlich für den pädagogischen Aufwand. Die Sätze werden vom Land festgelegt.

Pflegekinderdienst der Stadt Wuppertal, Susanne Helmken, Ruf 563-2721.

Nach dem Tode des Pflegekindes Talea im März 2008 wurde die Ex-Pflegemutter der Fünfjährigen wurde wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu acht Jahren Haft (nicht rechtskräftig) verurteilt. Vor und während des Prozesses stand auch das Jugendamt in der Kritik. Staatsanwaltschaft und Gericht haben jedwede strafrechtliche Verantwortung des Jugendamtes ausgeschlossen. Aus dem Fall Talea zog das Jugendamt unter anderem die Konsequenz, dass Pflegeeltern gebeten werden, den Kinderarzt bei Anfragen des Jugendamtes von der Schweigepflicht zu entbinden.

Verst: Pflegefamilien sind aus fachlichen Gründen sinnvoll: Dort gibt es keinen Wechsel der Bezugspersonen, es gibt klare Bindungen und ein hohes Engagement, zum Teil intensiver als dieses beispielsweise in Heimgruppen möglich ist.

Susanne Helmken (Pflegekinderdienst): Es gibt da natürlich auch Grenzen. Nicht jedes Kind ist für eine Pflegefamilie geeignet, zum Beispiel, wenn die notwendige Betreuungsintensität überstiegen wird. Viele Kinder haben in ihrer Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht. In Familien haben sie die Chance, negative Erfahrungen zu korrigieren und Bindungen einzugehen. Das ist in einem Heim nicht so intensiv möglich.

Und wie wird eine möglichen Überforderung verhindert?

Verst: Die Kinder erhalten bei Bedarf zusätzliche Hilfen wie zum Beispiel Heilpädagogik, Ergotherapie und werden von der Erziehungsberatung oder von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten betreut. Wenn Probleme in der Familie entstehen, gibt es natürlich weitere Unterstützung - etwa in Form von ambulanten Hilfen.

Helmken: Außerdem soll die Qualifizierung in der laufenden Betreuung ausgebaut werden. Wir wollen mehr Fortbildungen anbieten und zu Spezialthemen Experten einladen, damit die Familien sicherer werden. Viele Fragen tauchen ja erst später auf.

Die Mitarbeiter im Jugendamt sind mehr als gut ausgelastet. Wie wird der zusätzliche Aufwand gestemmt, ohne dass die Betreuung hintenan gestellt wird?

Verst: Der Pflegekinderdienst ist ein eigenständiger Fachdienst und läuft nicht über die Bezirkssozialdienste. Die Fachkräfte kümmern sich nur um die Pflegefamilien, und das sollen auch getrennte Bereiche bleiben, damit die Betreuung sichergestellt ist. Für die beabsichtigte Ausweitung wird zusätzliches Personal eingesetzt.

"Wir müssen die Familie sorgfältig auswählen."

Susanne Helmken

Durch den Ausbau der Pflegefamilien soll die Stadt langfristig jährlich 5,5 Millionen Euro sparen. Haben Sie keine Sorge, dass das auf Kosten der Kinder geht?

Verst: Im Gegensatz zum Bericht der Gemeindeprüfungsanstalt hat das Gutachten von con-sens einen fachlichen Ansatz, und es ging nicht allein ums Sparen. Das Ergebnis: Im Vergleich zu anderen Städten können wir den Anteil an Pflegefamilien deutlich erhöhen. Dieses ist auch aus fachlichen Gründen richtig, weil eine familiäre Unterbringung von Kindern für deren Sozialisierung oft die beste Möglichkeit ist. Wir geben grundsätzlich nur Kinder in Pflegefamilien, für die dieses die richtige Hilfe ist. Auch geht es nur um Neu-Fälle.

Helmken: Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus, Kinder in Pflegefamilien zu vermitteln. Wir müssen die passende Familie sorgfältig auswählen. Abbrüche gilt es unbedingt zu vermeiden, weil sie schädlich sind. Wir halten die Unterbringung in Pflegefamilien aber grundsätzlich für fachlich richtig und wichtig.

Warum kommen Sie dann erst jetzt auf die Idee, die Pflegefamilien auszubauen?

Verst: Wir hatten das Ziel schon vorher aus eigenem Antrieb. Dieses Vorhaben wurde dann durch den Fall Talea um ein Jahr verschoben.

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