Alte Haase: Am 30. April 1969 war Schicht im Schacht. Der lange Todeskampf von Sprockhövels letzter und traditionsreichster Zeche war zu Ende. Klaus Leyhe erinnert sich.

Sprockhövel. Es ist Anfang März 1969. Ausgelöst durch einen Fernsehbeitrag in der Sendung "Hier und Heute", verbreitet sich das Gerücht rasend schnell unter der Belegschaft der Zeche Alte Haase: "Unser Pütt wird dichtgemacht!" Klaus Leyhe, seit einem Jahr Fahrsteiger, hat an diesem Tag im Außenschacht Buchholz die Leitung der Mittagsschicht. "Die Arbeitsmoral ging in die Knie", erzählt er.

Nach ein paar Tagen - die Hinweise verdichteten sich - nahmen die Diebstähle zu, stiegen die Krankmeldungen. Leyhe: "Der Wille der Leute war gebrochen. Wir konnten uns vor Reportern nicht retten. Nach einer Woche kamen die Werberkolonnen von anderen Zechen."

Es geht alles sehr schnell. Die Auswertung eines Wirtschaftlichkeits-Gutachtens über Alte Haase wird in der zweiten Märzhälfte bekannt, Ende des Monats wird der Sozialplan vorgestellt. Alte Haase schließt zum 30. April.

Diesmal läuteten keine Glocken gegen die Schließungspläne

Mehr als 700 Bergleute stehen vor dem Aus. Es gibt keine Rettung. Anders als 1925, als die Zeche schon einmal geschlossen werden sollte. Da läuteten die Glocken Sturm, Belegschaft und Sprockhöveler Bürger verjagten die Abbrucharbeiter. Die Bergleute besetzten die Zeche, arbeiteten ein halbes Jahr ohne Lohn, um das Bergwerk in Betrieb zu halten. Der Fall kam bis vor den Reichstag. Schließlich übernahmen die VEW Alte Haase. Eine Seilbahn wurde nach Hattingen gebaut, um Kohle dort zu verstromen.

Defizite und zunehmende Bergschäden führen zum Aus

Erneute Diskussionen über eine Schließung hatte es spätestens ab der Mitte der 1960er-Jahre immer wieder gegeben. Hoffnung machten folgende Zahlen: Jahresförderung 1960 bei 1087 Mann: knapp 239.000 Tonnen. 1968: mehr als 330.000 Tonnen mit 711Mann. In der Zwischenzeit hatte man den Schacht Buchholz eröffnet - ausgerüstet mit neuester Technik.

1716 wurden die Grubenrechte für Alte Haase verliehen, Tiernamen waren üblich.

1858 ging man vom oberflächennahen Bergbau zum Tiefbau über. 1897 wurde über Schacht II an der Hattinger Straße der Malakowturm errichtet, der als jüngster im Ruhrgebiet gilt. 1924 wurde Schacht II bis auf 344 Meter abgeteuft.

In Spitzenzeiten (1927) waren auf Halte Haase 1700 Kumpel beschäftigt.

Dort kamen zwei Flöze ganz dicht zusammen. Doch dem standen die Verluste gegenüber: 1966 waren es 1,2Millionen Mark, 1967 endete mit 3,4Millionen, 1968 betrug das Minus 5,2Millionen Mark. Bergschäden schlugen zu Buche und geologische Sprünge, die die Förderung unregelmäßig machten. Gefördert wurde nur noch in den Außenschächten Niederheide und Buchholz.

LKW fuhren die Kohle zur Kernanlage an der Hattinger Straße, wo der Malakowturm bis heute als Zeichen alter Stärke das Bild bestimmt. Dort gab es am Ende nur noch die Kohlenwäsche und die Verwaltung.

Die Facharbeiter finden schnell neue Arbeit

Zwischen 1000 und 5000 Mark betragen die Abfindungen, das Wohnrecht in zecheneigenen Wohnungen bleibt erhalten. Die eine Hälfte der Belegschaft findet Arbeit in den Zechen des nördlichen Ruhrgebiets, die andere wird von Sprockhöveler Bergbau-Zuliefer-Firmen aufgenommen.

Sie empfangen die gut ausgebildeten Facharbeiter mit Kusshand. Klaus Leyhe hatte zu einem Freund in Bochum gesagt: "Otto, ich brauch ’ne Arbeit." Zwölf Stunden später der Anruf der Bergbaugesellschaft: "Wann können Sie anfangen?" Beim Vorstellungsgespräch auf der Zeche Holland in Wattenscheid lautet die erste Frage: "Wie viele Leute können Sie mitbringen?"

Restbelegschaft kümmert sich bis 1972 um die Abrüstung

Eine Restbelegschaft übernimmt auf Alte Haase die Abrüstung. 1972 soll der Kohlebunker gesprengt werden, kippt aber nur zur Seite und muss von Hand abgerissen werden. Auf Alte Haase endete eine Tradition, die irgendwann im 17. Jahrhundert begonnen hatte. Auf dem Wanderweg Alte Haase Nord des Fördervereins Bergbauhistorischer Stätten kann man aber die Grabenpinge I finden, wo einmal alles begann.

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