Friederike Hübner schreibt ihre Abschlussarbeit über die „Mutter“ der modernen Hochofenanlagen.

Haßlinghausen. Statt Inquisition in Spanien heißt es jetzt Bergbau in Haßlinghausen. Warum in die Ferne schweifen, wenn die guten Themen doch so nah liegen? „Da sind die Quellen wenigstens noch nicht hundert Mal auseinandergepflückt worden“, ist sich Friederike Hübner sicher. Statt sich durch (wahrscheinlich) unzählige Bücher über ein dunkles Kapitel der katholischen Kirche zu kämpfen, kümmert sich die Lehramtsstudentin der Universität Wuppertal für ihre Abschlussarbeit um das schwarze Kapitel ihrer Heimat: Die Geschichte der Haßlinghauser Hütte.

Die 25-Jährige forscht vor allem im Stadtarchiv

„Ich wollte einfach etwas anderes machen, am liebsten über den eigenen Ort“, sagt die 25-Jährige. Dafür kann sie jetzt nach Lust und Laune in Originaldokumenten stöbern, dem Stadtarchiv sei Dank. Alte Ordner mit Urkunden, Briefen oder Zeitungsausschnitten liegen vor ihr auf dem Tisch in den ehemaligen Klassenräumen der Hauptschule ausgebreitet. Archivarin Karin Hockamp unterstützt die junge Besucherin, wo sie kann.

„Hier ist zum Beispiel wird erklärt, wie die Maschinen und Anlagen aufgebaut waren“, sagt Hübner und weist auf einen in altmodischer Schrift verfassten Text der „Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure“ aus den 1850er Jahren hin. Probleme, die technischen Zusammenhänge einer der damals modernsten Anlagen auf dem Kontinent zu verstehen, hat sie nicht. „Das ist so gut erklärt und in Verbindung mit den Bildern gar kein Problem.“ Und wenn doch, gebe es ja noch die heutige Fachliteratur.

Von 1855 bis 1875 war die Haßlinghauser Hütte in Betrieb. „Nur 20 Jahre“, sagt Hübner mit einem Schmunzeln, „Material gibt es aber genug.“ Im Hagener Kreisblatt ist am 13. Dezember 1854 zum Beispiel ein Art Offenlage-Termin des Bauprojekts „Haßlinghauser Hütte“ vermerkt. „Der Situationsplan, auf welchem die projecktierten Anlagen gezeichnet sind, kann in unserer Registratur eingesehen werden“, heißt es auf der alten Zeitungsseite.

Sie nutzt auch den Nachlass von Horst Dieter Konrad

Neben Hübners Laptop stehen noch mehrere Kartons mit weiteren Unterlagen – der Nachlass des bekannten Historikers Horst Dieter Konrad, der im vergangenen Jahr überraschend verstorben war. Gemeinsam mit Karin Hockamp hatte Konrad vor Jahren ein – dann allerdings nicht realisiertes – Projekt über die Hütte für die Ruhr 2010 vorbereitet. Von der Vorarbeit profitiert jetzt auch Friederike Hübner.

Als „vergessenes Pilotprojekt der Industrialisierung des Ruhrgebiets“ hatte Historiker Horst Dieter Konrad die Haßlinghauser Hütte ausgemacht. Eine Schautafel des Hochofens I war jahrzehntelang im Deutschen Museum in München ausgestellt.
 

Ein Titel der für die Ruhr 2010 geplanten Ausstellung stand bereits fest: „Globalisierung war von Anfang an – Industrialisierung, Migration und Integration“. Noch 1855 kamen nämlich auch viele Arbeiter aus Belgien oder Italien nach Haßlinghausen.

„Es ist etwas anderes, als fünf Bücher einfach zu einem kurzen zusammenzufassen, wie das bei einem anderen Thema vielleicht gewesen wäre“, sagt Hübner. Bereut hat sie die Entscheidung gegen ihren ursprünglichen Favoriten, die Inquisition, nicht. „Auch wenn die Industrialisierung eigentlich als Thema schon zu modern für mich ist.“

Dass gerade ihr Fach Geschichte bei Schülern nicht den allerbesten Ruf hat, weiß die 25-Jährige, die später einmal an einer Gesamtschule arbeiten will, nur zu gut. „Es hängt aber immer vom Lehrer ab“, ist sie überzeugt. Bei einem Praktikum bekam auch sie hautnah Unterricht zum Einschlafen mit. „Aber man muss sich doch zu helfen wissen.“ Beim Thema Industrialisierung wird sie jedenfalls nicht nur aus langweiligen Büchern pauken. Lebendige Geschichte liegt ja praktisch vor der Tür.

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