Die Einschränkungen für Bahn-Pendler ziehen sich in die Länge: Auf der Unglücks-Strecke stehen nach dem Abtransport der Zug-Wracks Bauarbeiten an.

Zugunglück in Meerbusch
Für die Aufräumarbeiten wurde ein Spezialkran angefordert.

Für die Aufräumarbeiten wurde ein Spezialkran angefordert.

Roland Weihrauch

Für die Aufräumarbeiten wurde ein Spezialkran angefordert.

Meerbusch/Düsseldorf. Am Mittwochnachmittag kommt es zu einer aberwitzigen Szene im Verkehrsausschuss des NRW-Landtags. CDU-Politiker Klaus Voussem wirft dem Grünen-Fraktionschef Arndt Klocke vor, dass er mit einem Tweet kurz nach dem Zugunfall in Meerbusch seiner Verantwortung als Abgeordneter nicht gerecht geworden sei. Klocke hatte in jenem Tweet zunächst Unfall und Verletzte bedauert, um dann mit vermeintlich vorschneller „Analyse“ nach Aufklärung zu verlangen: „Warum auf freier Strecke offenbar Güterwaggons abgestellt waren, muss zügig ermittelt werden!“

Pietätlos und ungehörig fand Voussem das, es entstand ein aufgeregter Streit, den Klocke mit dem Satz beendete: „Vorsicht an der Bahnsteigkante.“ Und als Zuhörer musste man sich fragen, ob diese Kontroverse nach einer zuvor kurzen Unterrichtung des Unfallhergangs durch Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) tatsächlich des Landtags Beitrag zum Gesamtgeschehen gewesen sein konnte.

Ab Montag ist auf der Strecke eine neue Baustelle geplant

Zeitgleich waren am Mittwoch vor Ort in Meerbusch-Osterath die Aufräumarbeiten fortgeschritten. Aus Fulda ist über die Schiene ein 160 Tonnen schwerer Bergungskran herangeschafft worden, der die durch den Aufprall entgleisten zwei Güterwaggons wieder auf die Schienen zu setzen versuchte. Das Ziel: Der Güterzug, der eigentlich von Dillingen nach Rotterdam unterwegs gewesen ist und in den Niederlanden beladen werden sollte, soll nach Möglichkeit aus eigener Kraft in das nächste Depot fahren können. Die Bergungsarbeiten wurden bis weit in die Nacht fortgesetzt. Es wird wohl auch noch den Donnerstag andauern, die Züge endgültig zu entfernen. Erst danach wird man den Millionenschaden genauer beziffern können, außerdem lassen erst dann die Schäden am Gleisbett erkennen, wann ein geregelter Zugverkehr wieder aufgenommen werden kann.

Die Krux dabei: Von Montag (11. Dezember, 23 Uhr) bis Samstag (16. Dezember, 6 Uhr) wird die Strecke des RE 7 aufgrund von Gleisbauarbeiten zwischen Krefeld und Neuss ohnehin erneut für den Zugverkehr gesperrt. Ob die Strecke vor den neuerlichen Bauarbeiten noch einmal freigegeben wird, hält ein Sprecher von National Express auf unsere Nachfrage für unwahrscheinlich.

Aber was ist nun eigentlich passiert? Klar ist seit Mittwoch, dass der Personenzug nicht auf das „Kollisionsgleis“ hätte einfahren dürfen. Das bestätigte der Pressesprecher der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung in Bonn, das mit der Bundespolizei mit der Aufarbeitung beauftragt ist, unserer Zeitung. Züge führen grundsätzlich im so genannten „Blockabstand“. Heißt: Ein Zug darf nicht einfahren, wenn ein anderer Zug noch auf dem Gleis steht.

Der normale Lauf wäre demnach wie folgt: Vom besetzten Streckenabschnitt geht ein entsprechendes Signal an den Fahrdienstleiter im Stellwerk. Der gibt das Signal für gewöhnlich weiter an den Lokführer des nahenden Personenzuges, bei dem in der Folge ein rotes Licht aufgehen müsste.

Aus der Abweichung dieses normalen Ablaufs ergeben sich jetzt zu klärende Fragen: Ist das Signal nicht weitergegeben worden? Hat der Lokführer das Signal vielleicht übersehen? Oder lag ein technischer Defekt oder gar eine Manipulation am Zählwerk vor? „Wir stehen noch am Anfang der Untersuchung“, hieß es aus der Bundesstelle. Am Mittwochabend meldete das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, der Fehler habe wohl beim Fahrdienstleiter gelegen. Gesichert ist das freilich noch nicht.

Lob für die Anwohner: Sie helfen, wo sie können

Im Personenzug lagen zerknitterte gold-glänzende Iso-Decken und Kaffeebecher verstreut. Sie zeugen von einer langen Nacht. Und sind Folge des Aufpralls, der laut Berichten von Insassen vor allem jene schwerer getroffen habe, die schon ob der erwarteten Einfahrt in den Bahnhof im Zug aufgestanden waren. Über die Zahl der Verletzten gibt es immer wieder unterschiedliche Aussagen. Marc Zellerhoff, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Rhein-Kreis, erklärte dazu, eine Verrenkung etwa trete oft erst später auf. Eine definitive Zahl sei deshalb kaum zu nennen.
Die schwerste registrierte Verletzung sei ein Oberschenkelbruch. Eine Frau habe auch Brüche im Gesicht erlitten. Vor allem in den ersten beiden Waggons des Personenzuges sei es zu erheblicheren Verletzungen gekommen. Der Lokführer blieb offenbar verschont. „Ihm geht es den Umständen entsprechend gut“, sagte ein Bahnsprecher.

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Es sei ein großes Glück, dass es keine Toten gegeben habe, sagt Meerbuschs Bürgermeisterin Angelika Mielke-Westerlage auf einer Pressekonferenz in Meerbusch. Problematisch sei gewesen, so berichtet es der Einsatzleiter der Feuerwehr, dass die Unfallstelle umringt von Feldern liege und deshalb nur „normale Rettungswagen“ an die Stelle hätten heranfahren können.

Mehr als 400 Rettungskräfte waren am späten Dienstagabend an die Unfallstelle geeilt, Anwohner verteilten warme Getränke an die Helfer, hatten ihnen zuvor die teils undurchsichtigen Wege an den Unglücksort gewiesen. Reisende wie Insassen hatten von einem „großen Knall“ berichtet, der auf eine Notbremsung folgte. „Es hat sich angehört, als ob ein Haus explodiert“, sagt Anwohner Rainer Boguslawski.
 

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