Entführung, Selbstmord oder doch ein Gewaltverbrechen? Von der 59-Jährigen fehlt jede Spur.

Die Polizei hat die Wohnung im fünften Stock diese Hochhauses in Kaarst gestern mit Leichenspürhunden untersucht.
Die Polizei hat die Wohnung im fünften Stock diese Hochhauses in Kaarst gestern mit Leichenspürhunden untersucht.

Die Polizei hat die Wohnung im fünften Stock diese Hochhauses in Kaarst gestern mit Leichenspürhunden untersucht.

Uli Engers

Die Polizei hat die Wohnung im fünften Stock diese Hochhauses in Kaarst gestern mit Leichenspürhunden untersucht.

Kaarst/Tarascon. Nach dem mysteriösen Verschwinden der 59-jährigen Bärbel A. aus Kaarst ermitteln Polizei und Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Totschlag gegen den Ehemann.

Es gebe bisher aber keine konkreten Hinweise auf ein Verbrechen, sondern nur einen vagen Anfangsverdacht, sagte am Montag Staatsanwalt Christoph Kumpa. Die These, die schwer rheumakranke Frau habe Selbstmord begangen, stütze sich allein auf die Aussage des 65-Jährigen. "Wir haben überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür, wo die Frau ist, deshalb kann nichts ausgeschlossen werden."

Die französische Polizei hatte den Mann festgenommen, nachdem er einen Überfall erfunden hatte. Kumpa: "Der Mann hat einmal gelogen - die neue Variante kann ebenfalls unwahr sein." Auch die Überwachungskameras in den französischen Hotels hatten Bärbel A. nicht erfasst.

Mittlerweile ist klar: Die 59-jährige ehemalige Mitarbeiterin einer Großbank hat in den vergangenen Wochen nie französischen Boden betreten. Ihr Ehemann, Hans A., hat die Geschichte mit dem Überfall und dem Verschwinden seiner Frau in der Nähe der südfranzösischen Stadt Tarascon erfunden und die gemeinsame Reise nach Frankreich fingiert - weil er überfordert gewesen sei mit dem Selbstmord seiner Frau, sagt er.

"Nachdem er wegen seiner Verletzungen im Krankenhaus behandelt worden war, hat er die Polizei darüber informiert, dass seine ursprünglich erzählte Geschichte erfunden war", so Staatsanwalt Kumpa. Der Abschiedsbrief der Frau soll im Aktenschredder gelandet sein

Tatsächlich will der 65-Jährige am Abend des 4. Mai nach Hause gekommen sein und dort einen Abschiedsbrief seiner Frau gefunden haben. In diesem habe sie ihren Selbstmord wegen ihrer schweren Erkrankung angekündigt und gebeten, nichts den beiden Kindern zu sagen.

In heller Panik habe Hans A. den Brief in einen Aktenschredder geschoben und sich auf die Suche nach seiner Frau gemacht. Zunächst erfolglos. Dann habe er ihr Fahrrad am Rhein im 15 Kilometer von Kaarst entfernten Neuss-Grimlinghausen gefunden - abgeschlossen. "An einer Stelle, an der man sehr weit in den Rhein hineingehen muss, um unter Wasser zu gelangen", so Kumpa.

Sollte die Frau sich allerdings bereits vor zwei Wochen in den Rhein geworfen haben, dürfte es schwierig sein, die Leiche zu finden und die Ereignisse zu rekonstruieren. Das Fahrrad hat die Polizei sichergestellt. A. hatte es mit nach Hause genommen - und weiter geschwiegen.

Nachdem er sich einige Tage in seine Wohnung zurückgezogen habe, so Melanie Flecken, Leiterin der Ermittlungskommission, entwickelte A. den Plan, eine Frankreich-Reise vorzutäuschen, dort seine Frau bei einem Überfall "verschwinden" zu lassen und auch sich selbst das Leben zu nehmen. Dazu packte er sogar Koffer mit Kleidung seiner Frau.

Bei einem kurzen Halt in der Nähe von Tarascon soll es zu dem Überfall gekommen sein, der in Wirklichkeit nie stattgefunden hat. Kumpa: "Tatsächlich hat sich A. die Verwundungen mit einem gewöhnlichen Obstmesser selbst zugefügt."

Dann sei er in die Rhône gestürzt und will das Bewusstsein verloren haben. Die Polizei hatte am Freitag das Gebiet um Tarascon mit dem Hubschrauber, Spürhunden und Tauchern abgesucht, ohne eine Spur zu finden. Am Samstag, nach dem Geständnis von A., wurde die Suche eingestellt.

Doch den französischen Beamten schien bereits ein Verdacht gekommen zu sein. "Schon am Freitag wurde die Polizei des Rhein-Kreis Neuss gebeten, im Hintergrund der Familie zu recherchieren", so Kumpa.

Das Rentnerpaar ist knapp 40 Jahre verheiratet und wohnt in einem mehrstöckigen Wohnblock in Kaarst in einer ruhigen Gegend. Unauffällig habe sich das Paar verhalten, so Nachbarn. Gestern untersuchte die Polizei mit Leichenspürhunden und Schwarzbildkameras die Wohnung.

Über das Ergebnis schwieg sich die Polizei aus, die auch einen Computer beschlagnahmte. "Es hat dort zumindest kein Kampf stattgefunden", so die Staatsanwaltschaft. Zwei Kinder hat das Rentnerpaar.

Der in Thüringen lebende Sohn (40) ist nach Südfrankreich gereist. Kumpa: "Über die Tochter ist bislang nichts bekannt."

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