Als Testperson im „Age Suit“ lassen sich Altersschwächen hautnah nachempfinden.

Bücken ist mühsam: Der Griff zum Torrone-Riegel im Supermarkt fällt schwer.
Bücken ist mühsam: Der Griff zum Torrone-Riegel im Supermarkt fällt schwer.

Bücken ist mühsam: Der Griff zum Torrone-Riegel im Supermarkt fällt schwer.

Treppensteigen im Rathaus, einkaufen – der Anzug simuliert durch versteifte Gelenke und Gewichte, wie anstrengend der Alltag für einen älteren Menschen sein kann.

NN, Bild 1 von 2

Bücken ist mühsam: Der Griff zum Torrone-Riegel im Supermarkt fällt schwer.

Neuss. Wie ist es, plötzlich alt zu sein? Gut, an manchen Tagen fühle ich mich sowieso wie „55 plus“, da brauche ich nicht zu simulieren. Dennoch teste ich den Anzug, der es seinem Träger ermöglicht, die Einschränkungen des Alters ganz direkt zu erleben.

Der Altersanzug, der am Samstag auch bei Thyssen Krupp Encasa im Neusser Süden ausprobiert werden kann, versucht, mit Hilfe von Gewichten und mechanischen Verstärkungen Bewegungseinschränkungen im Alter nachzuahmen.

Anzug soll ein Gefühl für das Alter vermitteln

Nun will ich also wissen, wie Behördengänge und Einkäufe mit müden Beinen, schlechten Augen und schmerzenden Gelenken zu bewältigen sind.

Doch schon das Anziehen des Anzugs bereitet Probleme. Das gilt weniger für den Blaumann, sondern vielmehr für Fußgelenk-Gewichte, Halskrause und Handgelenk-Schienen. Bandagen an Knien, Ellenbogen und eine schwere Weste erhöhen das Körpergewicht um etwa zehn Kilo. Alle Bewegungen werden schwerer – wie im Alter, wenn wegen der schwindenden Muskelmasse die Kraft schlichtweg nachlässt.

Ohrschützer simulieren verminderte Hörkraft

Eine Spezialbrille mit gelben Gläsern ahmt die altersbedingte Trübung der Linse nach. Kopfhörer lassen nur noch dumpfe Töne wie unter Wasser ans Ohr. An der Hüfte wird die Gewichtsweste festgezurrt. Schnallen an den Knieschienen verstärken die Unbeweglichkeit.

Thyssen Krupp Encasa lädt Samstag von 10 bis 15 Uhr alle Interessenten ein, sich über individuelle Mobilitätslösungen für ein „Leben in Bewegung“ zu informieren. Der Tag der offenen Tür findet in der Firmenzentrale am Bussardweg 18 in Grimlinghausen statt. Neben Vorführungen der aktuellen Modelle mit Möglichkeit zur Probefahrt stellt Thyssen Krupp Encasa eine Museumsstrecke zur Geschichte des Sitzlifts vor, es gibt Aktions-Angebote und eine Tombola. Allen, die noch mobil genug sind, bietet die Firma die Möglichkeit, selbst in den Age Suit zu schlüpfen und so die Einschränkungen des Alters im Alltag zu erleben.

www.tk-encasa.de

Schon beim Schließen der Klettverschlüsse stelle ich mich allerdings recht ungeschickt an. Der Fotograf, der meinen Selbstversuch begleitet, hat nur bedingt Mitleid und geht erst mal eine rauchen. Dann hilft er und es kann losgehen. „Du siehst aus wie ein Höhenretter“, findet die Kollegin. Aber nach Spider-Man ist mir gar nicht zumute, stattdessen fühle ich mich eher wie ein behäbiger Roboter.

Die Treppe runter, das geht noch. Auf dem Markt vor der Redaktion schmerzt aber schon der Knöchel. Das Gewicht rechts ist zu eng gezogen. Macht nichts, es geht weiter. Meine Umwelt nehme ich nur schemenhaft wahr. Irritierte Blicke der Passanten ignoriere ich selbstbewusst, ich kann sie ja eh kaum sehen.

Am Rathauseingang geht’s die Treppe hoch: Puuh, das sind doch nur ein paar Stufen, fast lächelnd schaue ich in die Kamera. Oben angekommen, muss ich dann aber doch ein wenig schnaufen und schwitze von den paar Metern schon wie verrückt. Im Rathaus hinke ich zur Treppe und schleppe mich rauf. Plötzlich kommt der Bürgermeister ins Foyer. Er ist beeindruckt. Leichtfüßig nimmt der „Vesuv von Neuss“ die Treppe. „Ist er jetzt Nichtraucher?“, flachse ich innerlich.

Was als sportliches Experiment begann, ist spätestens jetzt überraschend mühsam. Meine Kräfte schwinden mit dem zusätzlichen Gewicht auf den Rippen. Die Montur engt ein, auf Dauer strengt das Alt-Sein einfach an. Es reicht mit dem Feeling „80 plus“.

Aber schon sind wir am Supermarkt. Hier wird es kniffelig. Schnell bin ich mir sicher, dass ich im Alter weder Gicht noch Arthritis haben möchte. Denn es dauert Minuten, bis ich das 50-Cent-Stück aus der Handtasche und in den Einkaufswagen bugsiert habe. Das zeigt, wie schwierig im Alter gezieltes Greifen wird.

Haltbarkeitsdaten und Preise lassen sich schon gar nicht entziffern. Mühsam bücke ich mich zum harten Nougat-Riegel im unteren Regalfach herunter. „Beißen kann ich den ja noch“, scherze ich und schreite zur Kasse.

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