Interview mit Benno Jakubassa. Der Chef der Neusser SPD, zum Kampf um politischen Einfluss.

Neuss. Herr Jakubassa, stört es Sie, wenn man Sie als Neusser SPD-Urgestein bezeichnet?

Benno Jakubassa: Das bisschen Eitelkeit gönne ich mir dann doch: Es freut mich.

Sie sind seit 1995 Vorsitzender des Stadtverbands, und soeben sind Sie mit 85 Prozent der Stimmen als Vorsitzender wiedergewählt worden. Kann es nur einen geben?

Jakubassa: Natürlich nicht. Im Übrigen muss man sagen: Ich hatte schon mal mehr Stimmen, 90Prozent. Aber ich habe in der Nach-Schröder-Ära meinen Genossen einiges zugemutet. Und deshalb sind die 85 Prozent doch ein sehr gutes Ergebnis.

Noch einmal: Kann es nur einen geben?

Jakubassa: Nochmal: Nein. Ich bin ein entschiedener Befürworter eines modifizierten Rotationsprinzips. Deshalb bin ich 2004 auch bewusst nicht mehr für den Rat angetreten. In der Politik kommt es immer entscheidend auf den richtigen Zeitpunkt an. Ich hoffe, dass ich, wenn es soweit ist, weise genug bin, ihn auch zu erkennen.

Sie sind in Neuss mit Ihrer Partei Kummer gewohnt. Die schlechten Wahlergebnisse haben sich auch im vergangenen Jahr nicht verbessert. SPD in Neuss: Ein tiefes Tal der Tränen?

Jakubassa: Man muss das nüchtern analysieren. Neuss, das ist ein ganz spezielles Biotop. Die aktuellen Verhältnisse versteht man nicht ohne die Vergangenheit. Neuss war lange, lange geprägt von den berühmten heiligen Familien. Bis in die 70er Jahre war die CDU eine von diesen Familien beherrschte Honoratiorenpartei. Diese Familien bedienten sich der Politik - auch mit guten Absichten. Das ist einzigartig. Die Leistung bestand darin, dass sie diese Strukturen weitgehend erhalten haben. Das war ein Zusammenspiel von Katholizismus, Bürgertum und viel Geld.

Wo will die SPD in Neuss denn neue Wähler finden?

Jakubassa: Das gilt für Neuss wie für die Bundes- und Landesebene: Indem wir die Wähler zurückgewinnen, die wir schon mal hatten. Wir hatten 1994 in Neuss 37,5Prozent. Unser Ziel muss sein: Zurück zum Status quo ante, zum Zustand vor der Schröderschen Katastrophe.

Danach sieht es aber zurzeit nicht aus.

Jakubassa: Nein, das ist eine Aufgabe historischen Ausmaßes. Aber man muss es denken. Im Übrigen: Die CDU hat bei der Kommunalwahl ihre absolute Mehrheit verloren. Davon hat zwar die SPD nicht profitiert. Aber das ist schon ein Wert an sich. Jetzt ist wichtig, was die SPD draus macht. Ich bin fest davon überzeugt: Es gibt eine Chance für eine rot-grüne Mehrheit im Biotop Neuss.

Aber fremdeln die Grünen nicht mit der SPD?

Jakubassa: Ja, schon. Vielleicht habe ich auch selbst Irritationen ausgelöst, das bedaure ich. Die Grünen dürfen natürlich mit der CDU koalieren, nur nicht in Neuss, wenn sie nicht wortbrüchig werden wollen. In Neuss ist der politische Wechsel seit langem überfällig.

Wo sind für die SPD die Haupt-Angriffspunkte in der Stadt? Die Neusser sind doch offensichtlich zufrieden mit der CDU bzw. der CDU/FDP-Koalition.

Jakubassa: Es gilt, ein grandioses Missverständnis aufzuklären. Die CDU gibt vor, sie habe Neuss zur sozialen Großstadt mit Herz aufgebaut. Es ist verrückt - aber wir konnten ihr über Jahrzehnte diese Maske nicht vom Gesicht reißen. Da verkündet der Bürgermeister, die Kindergärten müssten beitragsfrei sein. Und nichts passiert. Da erklärt er schon vor drei Jahren, Neuss brauche die dritte Gesamtschule. Nichts passiert. Das sind die entscheidenden Themen für die SPD. Bildung und soziale Gerechtigkeit.

In nicht einmal zwei Monaten ist Landtagswahl. Der SPD-Kandidat Fritz Behrens wird wegen seines Listenplatzes durchkommen. Aber das Ergebnis...

Jakubassa: Ich sehe da eine Chance, und ich bin kein Zweckoptimist. Mich rufen viele enttäuschte Sahnen-Wähler an (Landtagsabgeordneter Heinz Sahnen hatte in einer Kampfkandidatur gegen CDU-Parteichef Jörg Geerlings verloren, Anm. d. Red.). Die wollen für uns Plakate kleben. Die halten Geerlings für einen knallharten Karrieristen.

Jörg Geerlings ist auch stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat. Wie geht es da weiter?

Jakubassa: Da spielt sich ein interessanter Kampf ab. Ich habe den Eindruck, dass Bürgermeister Napp alles daran setzt, damit Schwarz-Gelb scheitert. Und gleichzeitig tut der Fraktionsvorsitzende Baum mit FDP-Partnern viel dafür, dass Napp nicht sechs Jahre durchhält. Die Chance auf einen politischen Wechsel mit einer Mehrheit links von der CDU ist da.

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