Altweiber: Straßenkarneval hat begonnen: Möhne führen den Bürgermeister in Ketten auf den Markt.

Neuss. Das beherrscht er mittlerweile im Schlaf. Den Kopf auf den Ordner gelegt - der nachgewiesenermaßen nicht eine einzige Drucksache oder Verwaltungsvorlage enthält -, macht es sich der Bürgermeister gemütlich. Vorher gab’s ein ebenso nachgewiesenermaßen ernsthaftes Gespräch am Morgen, dann Frühstück mit Mitarbeitern, Aufmunterung von den Dezernenten Pfitzer und Gensler - wo sind eigentlich die anderen Spitzenbeamten? Jetzt die Schnarch-Nummer, und dann kommen sie. "Jetzt nimm denn, Schicksal, deinen Lauf", zitiert der belesene Stadtchef aus dem Drama um den Volkstribun Rienzi und ergibt sich in eben solches.

Die Weiber. Möhne in Gestalt rot-weißer Damen auf der Suche nach der Macht. "Her mit dem Schlüssel", tönt es eher unwirsch, und Herbert Napp kontert: "Ich hab gar keinen." Das mag stimmen, aber den großen Narren-Schlüssel haben die Mitarbeiter im Bürgermeister-Büro gottlob wiedergefunden. Noch wird er verteidigt, aber schon ist der Bürgermeister in die bewährten rot-weißen Ketten gelegt. Das fröhliche "Zieh Dich aus" ertönt allerdings von der männlichen Möhne-Begleitung. Kurze Pause im Rathaus-Foy- er, das ein wenig kühn in Moulin Rouge umgetauft ist. Bier geht auch vor 11.11Uhr, das wird vielfach bewiesen. Der Stadtchef in Ketten gibt gleich dreimal das gleiche Interview vor der Kamera, zweimal erfordert eine Panne die Wiederholung, dann ein kräftiger Fluch und noch einmal: "Altweiber: Das ist für mich der schönste Tag der Jahres!" Genauso überzeugend wie beim ersten Mal.

"Regieren Sie milde" ruft der Stadtchef dann auch in Richtung Novesia Diana, "die Jecken haben es verdient". Jetzt hat Napp erstmal Ferien, darf er sich doch erst am Aschermittwoch wieder im Rathaus blicken lassen.

Kölnerinnen schunkeln sich in Neuss warm

Da bibbern die diversen Tanzmädels schon vor der Tür bei gefühlten minus 10Grad. Chantal, fünf Jahre alt, von den Blau-Rot-Goldenen Funken, zählt auf: zwei paar Strumpfhosen, "und Socken. Und ich friere, ich friere noch mehr."

Die "Neusser Blüten", die sich unter ihren roten Blumenhüten auf dem Markt warmschunkeln, sin doch eher eine Mogelpackung: Zwei von ihnen kommen nämlich aus Köln. Uschi Ebertz ist sogar aus dem Allgäu an den Rhein gereist: "Ich komm jedes Jahr während der Karnevalstage nach Neuss. Ich bin halt doch ’ne echte Nüsser."

Der kleine Tobias Söhne (fünfJahre), ist als dick eingepacktes, rotes Gummibärchen gekommen: "Das Kostüm hat die Mama von meinem Freund gekauft. Aber meine Gummibärchenkette ist schon zu alt, die kann man leider nicht mehr essen."

"Die Jecke us alle Ecke" - wie sich die Mädchentruppe seit jeher nennt - feiern jedes Jahr in der ersten Reihe vor der Bühne mit. Angestoßen wird mit Hochprozentigem, während der "Rheinbaron" Paul van de Weyer das Nüsser Heimatlied anstimmt. Die Freundinnen Dani Nilgen, Anja Hirschberg, Anke Faustmann und der Rest der Mädels haben sich in diesem Jahr der japanischen Kultur verschrieben: Aber statt Sake gibt’s dann doch lieber ein Li- körchen. "Kumm loss mer friere" scherzt Marienkäfer Maike Rahmen in Anspielung aufs Wetter und trinkt einen Schluck heißen Kakao mit Weinbrand. "Ohne Sprit geht heute wohl nichts."

Gäste aus den USA wippen vorsichtig mit

Die beiden Putzfrauen Angelina Piras und Birgit Kimmel feiern lieber im Moulin Rouge als in eisiger Kälte die neu gewonnene Macht. Arm ist die Stadt Neuss offenkundig nicht, fegen die Damen doch mit güldenem Kehrblech und Besen den Staub im Rathaus-Foyer weg.

Der kölsche Karnevalsklassiker "Viva Novesia" wummert aus den Boxen, das Moulin Rouge füllt sich, es gibt frisch gezapftes Alt, und auch die Gäste aus der Neusser Partnerstadt St.Paul wippen langsam, aber vorsichtig zur Musik mit. Viel lieber fotografieren sie allerdings die "Immis", sprich die frechen Krankenschwestern, die immer wieder auf die neue Damenmonarchie anstoßen.

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