Der Theologe Manfred Becker-Huberti über Brauchtum und Sinn des Advents.

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Die erste Kerze: Morgen beginnt die Adventszeit.

Die erste Kerze: Morgen beginnt die Adventszeit.

dpa

Die erste Kerze: Morgen beginnt die Adventszeit.

Neuss. Er hat wie immer um diese Zeit mit diversen Radiosendern telefoniert, Beiträge für Zeitungen abgesprochen und ist jetzt auf dem Weg zu einem Vortrag über den Sinn des Schenkens. Manfred Becker-Huberti ist gefragt: Der Theologe und Volkskundler aus dem Kreis weiß ungeheuer viel über die Entwicklung des religiösen Brauchtums zu berichten. Er tut das nicht distanziert oder mit dem kühlen Interesse eines Wissenschaftlers: Becker-Huberti ist mit dem Herzen dabei, wenn es gilt, Brauchtum zu pflegen und Kitsch oder sinn-entstellende Marketing-Aktionen zu entlarven.

Und so reagiert auch jetzt, unmittelbar vor dem 1.Advent ein wenig gereizt auf immer neue Weihnachtsmänner in Schaufenstern, Bäckereien, auf den Weihnachtsmärkten. Weihnachtsmänner! "Reduzierte Ikonen des Kommerz" nennt er diese Erfindung, die mit religiösem Brauchtum nichts zu tun habe.

Herausgebildet hat sich die Adventszeit als sechswöchige Fastenzeit in Erwartung der Ankunft des Messias: "Adventus Domini", der Herr kommt auf uns zu. Schwellenfest zuvor war St.Martin, wo die Menschen wie bei einem zweiten Erntedankfest noch einmal richtig prassten. Dann wurde es - bis einschließlich des 24. Dezember - karg.

Schon im Mittelalter zählte man die Tage bis Weihnachten. Doch erst im im frühen 19.Jahrhundert entstanden die Adventskalender. Ein wenig älter ist der Adventskranz. Vorläufer war ein von der Kirche nicht geduldeter Brauch der Bauern, berichtet Manfred Becker-Huberti: Die nahmen zu St.Martin nach Abschluss der Feldarbeit vom Karren ein Rad ab, umwickelten es mit Grün und hängten es in Erwartung der Wiederkehr des Frühlings und der Sonne an die Scheune. Der evangelische Pfarrer Heinrich Wichern entwickelte daraus in seinem Haus für gefährdete Jugendliche einen Kranz, auf dem im Advent täglich eine Kerze mehr entzündet wurde. Erst nach dem 1.Weltkrieg wurde der Kranz, längst mit nur vier Kerzen ausgestattet, überkonfessionell.

Das Warten und die Erwartung sind für den Theologen aus dem Rhein-Kreis wesentliche Elemente des Advent. Zeit der Vorfreude und Gelegenheit, den Kindern etwas zu erzählen über den Nikolaus, den Sinn des Schenkens, das Warten-Können, das Weihnachtsfest. Das gehe wunderbar beim gemeinsamen Backen, erzählt der Theologe und berichtet, wie es zur Printenherstellung kam. Eigentlich mit den teuren Zutaten nur für Kranke gedacht, erhielten in der Adventszeit auch die Gesunden das Gebäck: "Damit sie schon am Geschmack erkennen konnten, dass etwas Neues kommt."

Auch für die Erwachsenen, die im Advent trotz Einkaufsrummels und voller Innenstädte die Zeit des Wartens nachvollziehen möchten, hat Manfred Becker-Huberti einen Hinweis. Warum nicht ein Brevier lesen, wie es Mönche und Nonnen tun? "Das ist voll mit Bildern und Symbolen, die auf Weihnachten hinweisen. Nur: Man muss frei sein dafür. Zu konsumieren ist das nicht."

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