Digitaler Kindersegen an Dormagener Schule soll verhindern, dass Teenager früh schwanger werden.

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Claudia mit ihrem Puppen-Kind, das mit Technik vollgestopft ist.

Claudia mit ihrem Puppen-Kind, das mit Technik vollgestopft ist.

Debus

Claudia mit ihrem Puppen-Kind, das mit Technik vollgestopft ist.

Dormagen. Es ist Große Pause an der "Schule am Chorbusch" in Dormagen. Vom Bolzplatz sind die Rufe der Jungs zu hören, vom Schulhof das Kreischen der jüngeren Kinder. Von der Sitzgruppe am Eingang aber ertönt deutlich Babygeschrei. Zeitgleich haben sieben Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren vor drei Tagen Babys bekommen.

Der unübliche Kindersegen an der Schule für lernbehinderte Kinder und Jugendliche wurde durch das bundesweit angewandte Projekt "Babybedenkzeit" verursacht - die Säuglinge sind Roboter. Die mit Elektronik gefüllten Kinder aus Plastik sollen Jugendlichen verdeutlichen, welche Aufgaben Eltern bereits in den ersten Wochen zu bewältigen haben, und so Teenagerschwangerschaften verhindern helfen.

Mädchen haben eine unruhige Nacht und sind erschöpft

Nach drei Tagen und zwei Nächten digitaler Mutterschaft mit den Computer-Babys sind die Mädchen jedenfalls erschöpft. Die 16-jährige Angelina hat dunkle Ringe unter den Augen. An Durchschlafen sei nicht zu denken gewesen. Immer wieder habe Kindergeschrei das Mädchen geweckt. Sorge macht Angelina auch die Auswertung der Aufzeichnungen auf dem Mikrochip in ihrer Babyattrappe.

Manchmal habe sie die Puppe zu lange schreien lassen, weil sie nicht rechtzeitig das Fläschchen oder eine frische Windel zur Hand hatte. "Und ich konnte das Köpfchen nicht immer richtig halten." Für dieses Fehlverhalten der Betreuungsperson gibt es ebenfalls Punktabzug und verlängertes Schreien.

Auch Atiye ist genervt. Die 15-Jährige hat Ärger mit ihrem Vater bekommen, weil auch er nicht schlafen konnte. Besonders peinlich sei es ihr gewesen, im vollbesetzten Bus ihre Puppe wickeln zu müssen. Die anderen Jugendlichen hätten sie ausgelacht. Ein Junge habe ihr sogar gesagt, sie solle das Baby ausschalten.

Die Babysimulatoren ("Realcare Baby") der amerikanischen Firma Realityworks, die auf den ersten Blick aussehen wie handelsübliche Puppen, sind mit Sensoren, Lautsprechern und einem kleinen Computer ausgestattet. In unregelmäßigen Abständen und zu jeder Uhrzeit fangen die Babys an zu schreien.

Dann muss sich die junge Mutter zunächst mit einem Chip, den sie an einem versiegelten Plastikband an ihrem Handgelenk trägt, identifizieren.

So soll sichergestellt werden, dass nicht andere die dann folgenden Aufgaben erfüllen. Hat das Androidenbaby Hunger? Will es gewickelt oder umhergetragen werden? Probieren geht über studieren. Erst, wenn die richtige Aufgabe erfüllt ist, verstummt das durchdringende Schreien aus dem Lautsprecher.

Das emotionale Klima in Schulbussen und auf Pausenhöfen ist oft zu rau für vier Wochen alte Babys, so die Erfahrung der sieben Mädchen. Ob sich die Mitschüler bei echten Babys friedfertiger verhalten würden, kann bislang nicht bestätigt werden.

Zentrales Anliegen des Projektes "Babybedenkzeit", das von zwei Sozialpädagoginnen aus Delmenhorst konzipiert wurde, ist es, jungen Müttern eine verantwortlichere Entscheidung bezüglich der eigenen Familienplanung zu ermöglichen. Ob tatsächlich der gerade bei sogenannten "bildungsfernen Milieus" verbreitete Wunsch, sehr früh ein Kind zu bekommen, durch das Programm verändert werden kann, ist aber fraglich.

Digitale Mutterschaft kann auch zu Frustration führen

Yvonne, Annika, Claudia, Katharina und Atiye hatten nach eigener Aussage bereits vor einer Woche den Plan gehabt, "nicht zu früh" Mutter zu werden. Nur Angelina hat sich durch "Babybedenkzeit" umstimmen lassen: "Ich hätte mir damit sowieso Zeit gelassen. Aber jetzt will ich überhaupt kein Kind mehr."

So mag tatsächlich das zutreffen, was Kritiker des Mutterschaftssimulationsprojektes vorbringen. Die "Babybedenkzeit" erreiche nicht, dass junge Menschen sich erst später für ein Kind entscheiden, sondern führe durch das eingeplante Frustrationserlebnis zu einer Verringerung des Selbstwertgefühls der Jugendlichen.

Die Lehrerin Bärbel Ulfers, die das Programm betreut, sieht dies anders. Das belege ein Fragebogen, den die Mädchen vor und nach ihrer "Elternzeit" ausgefüllt hätten. "Auf die Frage, wann sie ihr erstes Kind bekommen möchten, haben die Mädchen am Schluss des Projektes ein deutlich höheres Alter angegeben." Den Mädchen sei zudem klar geworden, dass sie im Falle einer frühen Mutterschaft Unterstützung bräuchten und ihre Eltern nicht unbedingt mit einspannen könnten.

Hilfe für die Schülerinnen aus Dormagen kommt zum Schluss des Babyexperiments dann doch, und zwar von unerwarteter Seite. Der 16-jährige Patrick begrüßt seine Klassenkameradin Katharina nach dem Gespräch mit dem Reporter und schnappt sich die Babytrage mit der Säuglingsimitation. Mit verschmitztem Lächeln gibt er zu: "Ich bin schließlich der stolze Vater."

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