„Zug der Erinnerung“ macht Station in Neuss und Grevenbroich.

Helmut Milchtajch (rechts), hier mit einem Freund, überlebte als einziger seiner Familie.
Helmut Milchtajch (rechts), hier mit einem Freund, überlebte als einziger seiner Familie.

Helmut Milchtajch (rechts), hier mit einem Freund, überlebte als einziger seiner Familie.

Stadtarchiv

Helmut Milchtajch (rechts), hier mit einem Freund, überlebte als einziger seiner Familie.

Neuss. Ein Foto zeigt den kleinen Helmut Milchtajch, Kind einer eingesessenen Neusser Familie. Die lebte an der Neustraße, betrieb ein Pelzgeschäft. 1938, in der Pogromnacht, wurde es zerstört: die Milchtajchs waren Juden. Helmut rettete sich erst nach London, dann nach Palästina. Sein kleiner, 1929 geborener Bruder Günther wurde mit seinen Eltern mit der Reichsbahn nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ein Stolperstein erinnert vor dem Haus Neustraße 5 an ihr Schicksal. Günther Milchtajch ist eines der Kinder, deren Schicksal im „Zug der Erinnerung“ aufgezeigt wird. Mitte März macht dieser Zug Station in Neuss.

„Mit unflätigen Schimpfnamen wurde sie zurückgetreten“

Im Stadtarchiv gibt es Quellen zum Leben – und Sterben – der Familie. Ein Freund von Helmut berichtet über die Pogromnacht: „Milchtajchs wurde sehr übel mitgespielt.  . . . Frau M. lag weinend vor den NS-Rabauken auf den Knien und bat, die Kommissionsware, die nicht ihr Eigentum war, nicht zu zerschneiden. Mit unflätigen Schimpfnamen wurde sie zurückgetreten.“

Im Zug der Erinnerung wird des Schicksals fünf weiterer Kinder und Jugendlicher aus Neuss gedacht; sie alle wurden mit der Reichsbahn in den Tod deportiert.

Ernst und Fritz Mansbach sind dabei, geboren 1927 und 1926. Mit ihren Eltern wurden die Brüder im Dezember 1941 vom Düsseldorfer Schlachthof aus nach Riga transportiert. Dort kamen Arthur und Johanna Mansbach um. Ernst starb im Lager Stutthof, Fritz im KZ Buchenwald. Auch über diese Neusser Familie ist im Stadtarchiv viel nachzulesen, auch an sie erinnert an der Kapitelstraße 1, damals ein „Judenhaus“, ein Stolperstein. Die 1926 geborene Herta Regensberg und der ein Jahr ältere Berthold Wolf sind zwei weitere Neusser Kinder, deren Schicksal der Zug der Erinnerung mit seiner Ausstellung aufgreifen wird.

„Ein Projekt, das wir sehr begrüßen“, sagt Stadtarchivar Jens Metzdorf: „Wir unterstützen alle Interessenten, die bei uns weiter recherchieren wollen.“ Denn deutlich mehr als diese fünf Kinder und Jugendlichen wurden aus Neuss deportiert und ermordet. Informationen über die Familien Mansbach und Milchtajch, aber auch Nachrichten über weitere jüdische Neusser, sind auch im Internet (Stadtarchiv, Forum, Themen) nachzulesen.

Der „Zug der Erinnerung“ wird vom gleichnamigen Verein getragen und organisiert. Gegründet wurde er im Juni 2007. Zweck des Vereins ist die Pflege der Erinnerung an mehrere hunderttausend Kinder aus Deutschland und dem übrigen Europa, die von den deutschen Besatzungsbehörden verschleppt und auf dem Schienennetz in die Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes geschleust wurden, weil sie Juden waren oder anderen verfolgten Bevölkerungsteilen angehörten.



 

Der „Zug der Erinnerung“ besteht aus mehreren Waggons, in denen die Geschichte der europäischen Deportationen in beispielhaften Biografien nacherzählt wird. Über tausende Kilometer verschleppten SS, Reichsverkehrsministerium und die Deutsche Reichsbahn mehr als eine Million Kinder und Jugendliche. Die Fotos der Opfer und ihre letzten Briefe, die sie aus den Waggons warfen, stehen für das Los der Millionen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden, so die Organisatoren.

Der Zug der Erinnerung ist seit November 2007 unterwegs. Am 18. und 19. März steht er am Neusser Hauptbahnhof.

In Grevenbroich macht der Zug am 16. und 17. März Halt.

www.stadtarchiv-neuss.de

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