Zwei Neusser, zwei Wege. Mirko von Stosch und Vanessa Keil wählten die ganz langen Strecken. Im Rahmen des Projekts "Anderer Dienst im Ausland" arbeitet der 20-Jährige als Englisch- und Informatiklehrer in der Schule von Puerto Quito.

Neuss. "Ich lebe hier in einer komplett anderen Welt, in einem 2300-Seelen-Dorf", sagt Mirko von Stosch (20). Er isst Meerschweinchen, hört seine Schüler jeden Montag Morgen die National- und Dorfhymne singen, lernt, dass es unhöflich ist, die Schuhe im Haus auszuziehen und erkennt, was Armut ist: "Oft gibt es Brot mit Butter zum Frühstück, manchmal nur Brot ohne alles", erzählt er. Der Neusser leistet seinen Zivildienst in Ecuador. Im Rahmen des Projekts "Anderer Dienst im Ausland" arbeitet der 20-Jährige als Englisch- und Informatiklehrer in der Schule von Puerto Quito. Seine Ambition: "Ich wollte ein neues Land und eine andere Kultur kennenlernen und vor allem helfen."

Weißer Sonderling in Ecuador

Mit Magenschmerzen erinnert sich der ehemalige Nelly-Sachs-Schüler an seinen Krankenhausaufenthalt in Quito (Hauptstadt Ecuadors): "In der Notaufnahme arbeiten ausschließlich Studenten, die mir falsche Medikamente verschrieben haben." Neben der Arbeit an der Schule hilft der "Auslandszivi" auch Wiederaufforstungsprojekte in der Küstenregion oder versucht, Indianer vom biologischen Anbau von Kakao zu überzeugen. Viel Herzlichkeit habe er erfahren, doch oft wurde er auch nur als "weißer Sonderling" betrachtet. "Das Jahr war einfach unglaublich, auch wenn nicht immer leicht", erklärt er. "Ich habe sehr viel für mich dazugelernt. Ich höre mehr auf mich selbst", freut sich der angehende Student.

Die Ausbildung dauert zwei Jahre.

Bei besonders schweren Einsätzen wird zusätzlich ein Notarzt zum Einsatzort gerufen, da Rettungsassistenten keine Medikation verabreichen dürfen.

Elf Kräfte und zwei Praktikanten sind tagsüber auf der Wache, nachts sind es fünf. Das Einsatzgebiet der Wache Neuss-Mitte erstreckt sich vom Hauptbahnhof bis zum Silbersee.

Im Jahr 2008 hatten die Johanniter 10.672 Einsätze.

"Durch meinen Auslandsaufenthalt ist mir klar geworden, dass ich keinen technischen Studiengang wählen werde, sondern gerne etwas in Richtung Gesellschaftswissenschaften studieren möchte, vielleicht ’Internationale Beziehungen’ und das in Spanien". Seine Reiselust ließ sich durch das den Ecuador-Aufenthalt nicht stillen. Der Neusser will weiter die Welt entdecken. Dennoch: Die Vorfreude auf die Heimkehr am 31. Juli ist groß. Immer wieder sagt er: "Was ich jetzt für ein Brot mit Leberwurst geben würde." Zu den Neusser Ausreißern zählt auch Vanessa Keil. "Mit 16 wurde mir klar, dass ein Auslandsaufenthalt nach dem Abi eine einmalige Chance ist." Ans andere Ende der Welt reisen, über den Tellerrand schauen und die Selbstständigkeit testen, das wollte die 20-Jährige. "Ich jobbte zwei Jahre lang, um mir meinen Traum von "Backpacking" in Australien ermöglichen zu können", erklärt die Neusserin. Mama und Papa auf der Tasche zu liegen, kam für sie nicht in Frage. Ihr erster Job im Down Under: Feldarbeit. Die Freude über das Jobangebot hielt nicht lange, denn schon am zweiten Arbeitstag fiel die ehemalige Nelly-Sachs-Schülerin bei 60 km/h aus einem Pick-up - ein Unfall zum Glück ohne größere Verletzungen. "Ich bin noch nie in meinem Leben so viel gereist, habe noch nie so viele Menschen mit so viel unterschiedlichen Kulturen kennengelernt." schwärmt Vanessa von den neun Monaten "Backpacking". "Ich bin in der Zeit sehr viel selbstständiger geworden. Man hat ja vorher keine Ahnung, welche Probleme der normale Alltag mit sich bringen kann", sagt die Neusserin. Im August beginnt sie ihre Ausbildung zur Systemgastronomin. Ihr Traum: Später das eigene Restaurant oder ein Hotel im Ausland eröffnen.

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