Mehr als 10 000 Menschen arbeiten bei den acht größten Firmen und im Rathaus. Wie geht es dort weiter? Die WZ hat nachgefragt.

Die negative Spitze der Entwicklung: Bei Hydro müssen 650Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. (Archiv
Die negative Spitze der Entwicklung: Bei Hydro müssen 650Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. (Archiv

Die negative Spitze der Entwicklung: Bei Hydro müssen 650Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. (Archiv

Kurzarbeit: 200 der 810 Mitarbeiter bei Pierburg müssen kürzer treten.

dpa, Bild 1 von 2

Die negative Spitze der Entwicklung: Bei Hydro müssen 650Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. (Archiv

Neuss. Die weltweite Finanzkrise ist in aller Munde - und bei den Betroffenen vieler Branchen geht die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust um. Insbesondere nach den Meldungen der vergangenen Wochen, dass bei Hydro in Neuss womöglich sogar die gesamte Hütte mit 650 Mitarbeitern geschlossen wird. Welche Arbeitnehmer in Neuss sind noch betroffen? Auf wen wirkt sich die Krise nicht - oder noch nicht - aus? Die WZ nimmt die größten Arbeitgeber der Stadt unter die Lupe.

Größter Arbeitgeber in Neuss (hinter der Stadtverwaltung; siehe Kasten) ist nach eigener Angabe die Aluminium Norf GmbH, kurz Alunorf genannt. In dem Aluminiumwalzwerk an der Koblenzer Straße arbeiten 2100 Menschen. Nachdem bereits im Herbst des vergangenen Jahres Meldungen aus IG-Metall-Kreisen und aus dem Büro des Betriebsrats kamen, dass bis zu 300 Mitarbeiter gehen sollten, dann die Entwarnung Mitte November: 100 Arbeitsplätze sollen nach Angaben der Geschäftsführung in 2009 abgebaut, dagegen aber 24 neue Stellen für das im Bau befindliche Recyclingzentrum geschaffen werden.

Bis 2011 würden weitere 80 Arbeitsplätze eingespart - ohne betriebsbedingte Kündigungen, hieß es damals. Am Montag war aus dem Büro des Betriebsrats zu erfahren, dass bis Ende 2011 100 Mitarbeiter sozialverträglich abgebaut würden. Aktuell stehe auch keine Kurzarbeit an. Dies könne sich aber aufgrund der Wirtschaftssituation kurzfristig ändern.

United Parcel Service Deutschland (UPS) hat seit acht Jahren seine drei Geschäftseinheiten zu einer Zentrale mit Sitz in Neuss an der Görlitzer Straße zusammengefasst. Dort arbeiten aktuell 1369 Mitarbeiter. 916 davon in Vollzeit, 453 in Teilzeit (in verschiedenen Modellen) und 25 in der Ausbildung.

Zur aktuellen konjunkturellen Situation und möglichen Auswirkungen möchte der weltweit größte Express- und Paketzustelldienst nichts sagen, da dem amerikanischen Haus erst im kommenden Monat die Jahreszahlen für 2008 vorliegen. Vor einem Jahr hatte das Unternehmen gegenüber dem Handelsblatt ein Umsatzwachstums-Ziel von 6 bis 8 Prozent bis 2010 angegeben, allerdings war im Februar 2008 auch schon von einem rückläufigen Geschäft die Rede.

Und wenige Monate später wurden die Gewinnerwartungen deutlich heruntergeschraubt. Die hohen Spritpreise und die lahmende US-Konjunktur haben dem Zusteller offenbar zugesetzt. Die Kunden nutzten immer weniger Premiumdienstleistungen mit Aufpreis wie den schnellen Lufttransport.

Mit 1200 Mitarbeitern ist 3M Deutschland mit Sitz an der Carl-Schurz-Straße drittgrößter Arbeitgeber in Neuss. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres erreichte das Unternehmen, von dem Produkte wie die bekannten Post-it-Klebezettel und Füllmasse für Hohlräume von Flugzeugen stammen, die globale Rezession. Besonders betroffen wie so oft: der Zuliefersektor für die Automobilindustrie.

Da das Unternehmen aber nicht nur für Neuwagen produziert, sondern auch Bedarf (Spachtelmasse, Schleifmittel, Lack etc.) für Autoreparaturen anbietet, ist 3M Verlierer und Gewinner der Entwicklung. Dennoch kündigte der amerikanische Konzern 3M im Dezember an, weltweit 1800 Arbeitsplätze abzubauen. Hintergrund sei der globale Konjunkturabschwung und die daraus resultierende gesenkte Jahresprognose.

Die Hauptverwaltung in Neuss und die Fertigstellung in Jüchen seien nicht betroffen, erklärte damals 3M-Sprecher Manfred Kremer. 3M in Neuss habe schon im Vorausblick auf die zu erwartende wirtschaftliche Situation frühzeitige Maßnahmen ergriffen - beispielsweise seien ursprünglich geplante Neueinstellungen rückgängig gemacht worden. Falls sich die wirtschaftliche Situation in diesem Jahr weiter verschlechtere, sei allerdings ein Stellenabbau auch in Neuss denkbar.

Viertgrößter Arbeitgeber in Neuss (zusammen mit Janssen Cilag), auch wenn sich die offizielle Firmenadresse des Büros in Düsseldorf an der Eupener Straße befindet, ist Schmolz+Bickenbach. In der Quirinusstadt zahlt das Unternehmen seine Gewerbesteuer. Seit 1929 produziert die Firma Blankstahl am Standort Neuss.

Das aktuelle Dilemma für die rund 1000 Mitarbeiter: "Wir sind anteilig sehr stark vom Automobilgeschäft abhängig", erläutert Marcel Imhof, Vorstand der Schmolz+Bickenbach AG in Emmenbrücke (Schweiz). Bereits im vergangenen Jahr habe das Haus deshalb "temporär Mitarbeiter reduziert". Auch in diesem Jahr könne weitere Kurzarbeit nicht ausgeschlossen werden. Positiv bewertet Imhoff allerdings die aktuellen Absatzerfolge in der deutschen Autoindustrie durch die Abwrackprämie.

Janssen-Cilag rangiert mit ebenfalls 1000 Mitarbeitern (600 im Innen-, 400 im Außendienst) unter den großen Fünf in Neuss. In Neuss hat das Unternehmen, Tochter des Healthcare-Konzerns Johnson & Johnson, seinen Deutschlandsitz an der Raiffeisenstraße. Auf dem so genannten "Johnson&Johnson-Campus" wurden im vergangenen Jahr die beiden Konzerntöchter aus Düsseldorf und Bad Honnef angesiedelt.

Damit kamen weitere 300 Mitarbeiter nach Rosellen. Die Janssen-Cilag GmbH gehört zu den zehn führenden forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland. Wichtige Kompetenzfelder sind Anästhesie und Schmerz, Mykologie, Nephrologie, Neurologie und Psychiatrie, Onkologie, Virologie sowie Veterinärmedizin.

Bisher entwickelte das Unternehmen 180 000 Neusynthesen, aus 80 davon entstanden neue Arzneimittel. Fünf dieser Substanzen stehen auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel. Wie eine Sprecherin des Unternehmens erklärt, sei ein Arbeitsplatzabbau im Hause aufgrund der aktuellen Wirtschaftssituation kein Thema.

Besonders hart betroffen von der Krise ist das an der Alfred-Pierburg-Straße ansässige Unternehmen mit demselben Namen. Warum das so ist, wird schon mit der Einleitung auf der Homepage des Konzerns klar: "Pierburg gehört bei der Erstausrüstung traditionell zu den engsten Partnern der Automobilindustrie und begleitet erfolgreich die Entwicklung des Automobils bereits seit seinen Anfängen."

Wegen der Krise in der Autoindustrie mussten rund 200 der insgesamt 810 Mitarbeiter am 12.Januar in Kurzarbeit gehen. Doch die Krise schlug schon im vergangenen Jahr durch. Im Oktober waren die Arbeitszeitkonten abgebaut und Minusstunden aufgebaut. Mit Einführung der Kurzarbeit werden bei Pierburg 28 Stunden im Monat weniger gearbeitet. Rechnerisch ruht an einem Tag der Woche die Arbeit. Die Betroffenen verdienen rund 120Euro im Monat weniger.

Bei Hydro Aluminium an der Koblenzer Straße arbeiten 650 Menschen. Wegen hoher Strom- und niedriger Aluminiumpreise gerät die Neusser Hütte immer mehr unter Druck. Während der Konzern schon in der vorletzten Woche deutliche Notrufe in der Öffentlichkeit abgesetzt hatte, explodierte die Bombe am Montag vergangener Woche: Alle 650 Arbeitsplätze, die gesamte Hütte, stehe auf dem Spiel, wenn sich nicht ein Sondertarif eines Stromlieferanten finde. Inzwischen hat auch die Politik reagiert und möchte vermitteln.

Hauptsächlich Tempo-Taschentücher werden bei SCA an der Floßhafenstraße hergestellt. Etwa 460 Mitarbeiter produzieren hier auch Bess-Toilettenpapier. Die aktuelle Wirtschaftssituation lässt das Unternehmen kalt. "Wir fertigen ein Produkt, das krisensicher ist", so eine Sprecherin.

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