Die Kreiswerke Grevenbroich sind Eigentümer und Betreiber des Strandbads Kaarster See. Geschäftsführer Stefan Stelten über Eigenverantwortung der Besucher und die Sicherheit im Strandbad am Kaarster See.

Interview
Kreiswerke-Chef Stefan Stelten.

Kreiswerke-Chef Stefan Stelten.

Ein Rettungswagen steht nach einem Badeunfall im Juli 2018 am Kaarster See.

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Kreiswerke-Chef Stefan Stelten.

Herr Stelten, laut DLRG sind in den ersten sieben Monaten 279 Menschen in deutschen Gewässern – 37 mehr als im Vorjahr – ums Leben gekommen, zwei davon im Strandbad Kaarster See. Ist das Baden in Gewässern wie dem Kaarster See so gefährlich?

Stefan Stelten: Der Kaarster See ist für ein Strandbad ideal geeignet, wenn sich alle Gäste an die Regeln halten, aber er ist auch ein See mit einer Gewässertiefe von bis zu fünf Metern und damit gehen natürlich auch Gefahren einher. Darum richtet die öffentliche Hand, im konkreten Fall der Rhein-Kreis Neuss über seine Kreiswerke, Badeanstalten ein, um so in einem geregelten Betrieb unter Aufsicht den Menschen das Schwimmen zu ermöglichen. Wir betreiben einen erheblichen Aufwand, um für unsere Gäste den Aufenthalt in unseren Strandbädern so sicher wie möglich zu machen.

Zwei tote Gäste in einem Sommer sind ein hoher Preis.

Stelten: Ja, das ist tragisch. Weil uns solche Unfälle nicht kalt lassen, sind wir schockiert. Wir prüfen, unabhängig von Unfällen, unsere Sicherheitsstandards, passen bei Bedarf Notfallpläne an und üben sie mit unseren Mitarbeitern und der DLRG auch ein. Wir sind überzeugt, dass wir einen guten Job machen.

Wenn der See ideal geeignet ist und die Kreiswerke als Betreiber hohe Sicherheitsstandards einhalten, wo liegen dann die Risiken?

Stelten: Was bleibt, ist der Faktor Mensch. Badegäste, die unsere Regeln nicht beachten, sind das größte Risiko. Wenn Selbstüberschätzung und Risikobereitschaft an die Stelle von Vernunft treten, wird es gefährlich. Hier gilt der Grundsatz der persönlichen Eigenverantwortung.

Wie machen Sie Ihren Besuchern klar, dass sie eigenverantwortlich sind und sich an Regeln halten müssen?

Stelten: Es gibt eine strikte Badeordnung, die muss zwingend eingehalten werden. Vor allem dürfen Nichtschwimmer nicht den für sie kenntlich gemachten Bereich verlassen. Kinder, die nicht sicher schwimmen können, müssen Schwimmflügel tragen und von einer Begleitperson ständig beaufsichtigt werden. Nichtschwimmer haben außerhalb des Nichtschwimmerbereichs nichts zu suchen. Wenn Kinder das Seepferdchen-Abzeichen haben, nutzt das nichts. Erst wer das Jugend-Schwimmabzeichen in Bronze besitzt, darf als sicherer Schwimmer gelten.

Die beste Badeordnung nutzt nichts, wenn sie nicht durchgesetzt wird.

Stelten: Zunächst: Unsere Sicherheitshinweise hängen in acht Sprachen aus. Zudem werden die Regeln noch über Piktogramme visuell erläutert. Die Anzahl des Aufsichtspersonals richtet sich nach dem Besucherandrang. Wir haben zwölf ausgebildete Rettungsschwimmer fest angestellt, die unsere beiden Anlagen in Kaarst und Dormagen bewachen. Beispiel Montag, 6. August: Da hatten wir in Kaarst in der Stoßzeit am Nachmittag bis zu sieben Rettungsschwimmer von uns und 17 Rettungsschwimmer der DLRG im Einsatz. Unsere Leute – und auch die unseres Partners DLRG – sind hellwach, aufmerksam und zupackend.

Spielt Alkoholgenuss unter den Badegästen eine Rolle?

Stelten: Das kann ich nicht erkennen. Es ist untersagt, dass Alkohol mit in die Anlage gebracht und dort verzehrt wird. An unserem Kiosk werden Radler und Hefeweizen an Erwachsene ausgeschenkt. Hochprozentiger Alkohol darf dort nicht verkauft werden.

Haben Sie angesichts der Unfälle schon einmal daran gedacht, die von den Kreiswerken betriebenen Strandbäder zu schließen?

Stelten: Bei aller Tragik: Nein. Die Kreiswerke schaffen mit ihrem Naherholungsbetrieb doch erst die Voraussetzungen, dass die Bürger sicher baden können. Jeder Unfall ist einer zu viel. Ihn zu vermeiden, daran arbeiten wir hart. Es gibt im Leben mehr oder weniger natürliche Gefahren. Aber angesichts von 3200 Verkehrstoten jährlich fordert auch niemand ernsthaft, die Autobahnen zu schließen.

Was wünschen Sie sich mit Blick auf mehr Sicherheit in Ihren Strandbädern?

Stelten: Das A und O ist es, dass die Menschen, die ins Wasser gehen, auch sicher schwimmen können. Es ist leider Fakt, dass 60 Prozent der Grundschulkinder nicht ausreichend schwimmen können. Da muss unsere Gesellschaft besser werden.

Hat der Strandbad-Besuch unter den Unfällen in diesem Sommer gelitten?

Stelten Das kann ich nicht feststellen. Ich weiß, dass wir jetzt schon mit mehr als 100.000 Besuchern alleine in Kaarst bis Montagabend das drittbeste Ergebnis seit 1992 hatten; nur 2003 und 2006 kamen noch mehr Gäste, aber die Saison ist ja noch nicht zu Ende.

Dann sind Sie mit den betriebswirtschaftlichen Zahlen zufrieden?

Stelten Ja. Wir sind froh, wenn wir mit einer schwarzen Null abschließen. Das gelingt uns witterungsabhängig längst nicht in jedem Jahr Aber ehrlich: Die Kreiswerke erlösen jährlich rund 22,5 Millionen Euro, da spielen die rund ein bis zwei Prozent, die hiervon auf unsere Naherholungsanlagen entfallen, nicht die entscheidende Rolle. Glückliche Badegäste, die sicher baden können, sind in diesem Fall die Währung, die für uns zählt.

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