Restaurierungssünden sollen behoben werden.

Modellprojekt
Restaurator Marcus Janssen und Archivleiter Jens Metzdorf mit den alten Ratsprotokollen.

Restaurator Marcus Janssen und Archivleiter Jens Metzdorf mit den alten Ratsprotokollen.

Die Ratsprotokolle wurden in dicke Bände gebunden.

Ingel, Bild 1 von 2

Restaurator Marcus Janssen und Archivleiter Jens Metzdorf mit den alten Ratsprotokollen.

Neuss. Fast 500 Jahre alt sind die Protokolle der Ratssitzungen. Die Schrift gestochen scharf, die Tinte nicht zerlaufen, das Papier von bester Qualität. Doch in den 60er, 70er Jahre schlugen die „Restauratoren“ zu: In Zeiten der Kunststoffgläubigkeit begannen sie, die sehr gut erhaltenen Protokolle zu laminieren. Schon „blüht“ es unter der Kunststoffhaut, die Folien schlagen Wellen, und Restaurator Marcus Janssen im Neusser Stadtarchiv kann nur den Kopf schütteln.

Laminieren von Archivgut war gängige Methode

Das Laminieren historischer Quellen war keine Neusser Eigenart. In Archiven landauf, landab wurden Dokumente auf diese Art „geschützt“. Jetzt soll bundesweit geklärt werden, wie kostbares Archivgut entlaminiert werden kann. Neuss übernimmt die Vorreiterrolle mit einem Modellprojekt. 500 Seiten laminierter Protokolle des Neusser Stadtrats aus den Jahren 1530 bis 1599 werden in Leipzig bearbeitet, die Fachhochschule für Restaurierung in Köln wertet die Arbeit wissenschaftlich aus. Gefördert wird das Projekt von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts. Diese Stelle wurde 2011 auf Initiative von Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit Bund und Ländern gegründet.

Stadtarchivleiter Jens Metzdorf freut sich über die Anerkennung, die aus der Förderung spricht. Er betont: „Die Bestandserhaltung ist Kernaufgabe der Archive. Das hat man in Neuss glücklicherweise erkannt.“ Mit diversen Maßnahmen müht man sich an der Oberstraße um den Erhalt des Archivguts. Gegenüber den Schäden, die durch das Laminieren vor 40, 50 Jahren entstanden sind, ist aber auch Restaurator Marcus Janssen machtlos.

Er verweist beeindruckt auf nicht-laminierte Ratsprotokolle, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Das Hadernpapier aus Textilresten, vorzugsweise Flachs, sei „wunderbar erhalten: Das bleibt sicher auch für die nächsten 500 Jahre so.“ Daneben liegen Seiten, die laminiert wurden. Da zeigen sich braune Stellen, das Laminat wirft Falten, das alte Papier darunter „blüht aus“. „Ich komme einfach nicht darunter“, sagt der Fachmann und zeigt eine Wierstraet-Chronik von 1475: Auch hier wurde laminiert, auch hier erscheinen braune Flecken.

500 Blätter Ratsprotokolle, die ältesten im Stadtarchiv, werden jetzt entlaminiert. Sie künden von der Neusser Blütezeit: Die Stadt erlebte ihren spätmittelalterlichen Aufschwung als Handelsstadt. Unschätzbar nicht nur für Historiker ist die Tatsache, dass diese ältesten Protokolle den verheerenden Stadtbrand von 1586 überstanden haben. Jetzt müssen sie nur noch hochkomplizierten Rettungsversuch im Labor überstehen.

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