Am 23. Januar 1963 gab es für die Kinder schulfrei: Neuss hatte die Einwohnerzahl von 100 000 erreicht.

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Christiane Steinforth, geborene Wenke, feierte jetzt ihren 50. Geburtstag.

Christiane Steinforth, geborene Wenke, feierte jetzt ihren 50. Geburtstag.

Unter der Überschrift „Christiane Britta war die Hunderttausendste“ berichteten die Düsseldorfer Nachrichten (heute WZ) im Neusser Lokaltal am 23. Januar 1963.

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Christiane Steinforth, geborene Wenke, feierte jetzt ihren 50. Geburtstag.

Neuss. Es war immer noch bitterkalt an diesem Wochenende vor 50 Jahren. Treibeis auf dem Rhein, kaum Stände auf dem Markt, glatte Straßen. Doch die Schlagzeilen beherrschte ein anderes Ereignis: Neuss wurde Großstadt.

Seit Tagen wartete man in der Stadt auf die Nachricht aus dem Rathaus. Akribisch genau wurden Zugänge und Abgänge, Geburten, Sterbefälle, Weg- und Zuzüge gegeneinander aufgerechnet.

Während im überregionalen Teil über den Bürgerkrieg im Kongo, über den Chruschtschow-Besuch in (Ost-) Berlin und das Treffen von Bundeskanzler Adenauer mit dem französischen Staatspräsidenten de Gaulle berichtet wurde, hieß es am 12. Januar im Neusser Lokalteil der Düsseldorfer Nachrichten, heute WZ: „Im Rathaus verfolgt man die Entwicklung der Einwohnerzahlen mit angespannter, fast nervöser Aufmerksamkeit. Die Schlacht um die Großstadt . . . geht in die letzte Runde.“

Nur noch 100 Neu-Neusser fehlten bis zum Erreichen der 100 000er-Marke. Die Zeitung nutzte das, um auf die 7000 Ausländer in der Stadt hinzuweisen. Ohne diese „wertvollsten Helfer“ würde es noch Jahre bis zur Großstadtwerdung dauern, hieß es.

Pressetermin im Lukaskrankenhaus

Am Sonntag, 20. Januar, war es dann kein zugezogener Ausländer, sondern die kleine Christiane Wenke, die Neuss auf eine Einwohnerzahl von 100 000 brachte. Dass darüber erst in der Ausgabe vom 23. Januar berichtet wurde, lag an der ganz genauen Rechnung im Rathaus: Nur keinen Fehler machen!

Am Dienstagmorgen informierten Oberbürgermeister Peter Wilhelm Kallen und Oberstadtdirektor Günter Kuhnt Zeitungen, Radio und Fernsehen – und schließlich auch die Eltern. Am Mittag dann Pressetermin im Lukaskrankenhaus: Da drängten sich alle am Bett von Christel Wenke, geborene Broichhausen, um mit dem stolzen Vater Franz Josef Wenke die kleine Christiane in Augenschein zu nehmen.

„Keine größeres Aufheben davon machen“

Die Düsseldorfer Nachrichten berichteten über die unspektakuläre Würdigung des Ereignisses: „Es wurde nicht mit Böllern geschossen. Auch Fahnen wehten nicht von den Türmen der Stadt.“ Betont „schlicht und einfach“ sei die Gratulation abgelaufen, und wie die Journalisten wussten, „will man auch zu keinem späteren Zeitpunkt größeres Aufheben davon machen.“

Es gab nur zwei Sparbücher für die Neubürgerin, Stadt und Sparkasse spendierten je 500 Mark. Die Kinder der Stadt hatten ab 10 Uhr schulfrei, und für die „vom Sozialamt betreuten Mitbürger“ gab es die gleiche Sonderzuweisung wie zu Weihnachten und zum Schützenfest.

Dass das Erreichen der Großstadtmarke nach dem rasanten Wachstum der Jahre zuvor auch seine Schattenseite hatte, zeigten andere Berichte jener Tage: Wohnungsnot, gerade für junge Familien, war ebenso ein Thema wie der Lehrermangel an Neusser Schulen.

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