Im Schloss-Mauerwerk wurden drei Jahrhunderte alte Schuhe entdeckt. Experten vermuten Aberglaube.

Rhein-Kreis Neuss. Wer die Träger des Schuhwerks wirklich waren, wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Fest steht bislang: Irgendwann im Zuge des Umbaus von Schloss Liedberg um 1708 - die Trutzburg war damals schon etwa 400 Jahre alt - hat ein Unbekannter insgesamt acht getragene Schuhe in die Wand des Turmes eingemauert. Die Art und Weise, wie die Schuhe in ihren Verstecken lagen, lässt den Schluss zu, dass sie mit Bedacht eingemauert wurden und nie entdeckt werden sollten.

Die Schuhträger waren Personen von hohem Rang

"Tatsächlich stehen wir hier immer noch vor einem Rätsel", erklärt Kristin Dohmen, Referatsleiterin für Bauforschung des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland. Gefunden wurden die Schuhe im Rahmen der Sanierung der 700 Jahre alten Turmfassaden-jeder für sich in einer eigens dafür eingelassenen Aushöhlung.

Dohmen: "Immer wieder werden bei Sanierungen von Gebäuden Schuhe in der Mauer gefunden. Doch noch nie zuvor wurden so viele Exemplare an einem Ort entdeckt."

Im Mauerwerk wurden zwei Frauenschuhe, mehrere Kinder- und Männerschuhe unterschiedlicher Herstellungsweise gefunden. Alle sind gut erhalten und lassen den Schluss zu, dass ihre Träger Personen von hohem gesellschaftlichem Rang waren.

"Gut möglich, dass hier der damalige Hausherr, Burgvogt Damian Herrmann von Nideggen, Schuhe von Mitgliedern seiner Familie einmauern ließ", spekuliert Professor Udo Mainzer, Leiter des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland.

Mittlerweile sprechen Fachleute der Denkmalpflege von einem Phänomen. Dohmen: "Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich um einen religiösen Brauch, der ab dem 14. Jahrhundert auch im Rheinland üblich war, und im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geriet."

Getragene Schuhe, so die Vermutung der Denkmalpfleger, wurden in der Nähe von Fenstern, Türen und Kaminen-also Schwachstellen des Gebäudes-eingemauert, um Unheil oder böse Geister fernzuhalten.

Doch über die wahren Hintergründe rätseln die Wissenschaftler. "Hinzu kommt, dass das Liedberger Schloss kaum erforscht ist, es steht noch nicht einmal eine genaue Bauzeit fest", erklärt Dohmen.

Restauratorin Sigrun Heinen hat die Schuhe in mehreren Arbeitsschritten vom Schmutz der Jahrhunderte befreit und katalogisiert. "Wir brechen die Tradition nicht, sondern mauern die Schuhe nun jeweils in einem Karton wieder in die Nischen ein."

Das dürfte auch im Sinn des derzeitigen Burgherrn Peter Overlack sein. Der greift die Tradition trotz ihrer Unerforschtheit begeistert auf: "Ich habe ein paar Galoschen von mir ausgewählt, die ebenfalls in das Mauerwerk kommen." Mit dabei befindet sich ein Brief an mögliche Forscher in ferner Zukunft. Doch über den Inhalt schweigt Overlack. "Er ist in jedem Fall sehr emotional."

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