Sensationelle Retrospektive von Dubuffet auf der Raketenstation.

Chrysanthi Kotrouzinis, Geschäftsführerin Langen, und Sophie Webel (r.), Direktorin Foundation Dubuffet, stehen nebem de Bild Lili Blanc, roux et lilas, aus dem Jahr 1946.
Chrysanthi Kotrouzinis, Geschäftsführerin Langen, und Sophie Webel (r.), Direktorin Foundation Dubuffet, stehen nebem de Bild Lili Blanc, roux et lilas, aus dem Jahr 1946.

Chrysanthi Kotrouzinis, Geschäftsführerin Langen, und Sophie Webel (r.), Direktorin Foundation Dubuffet, stehen nebem de Bild Lili Blanc, roux et lilas, aus dem Jahr 1946.

Uli Engers

Chrysanthi Kotrouzinis, Geschäftsführerin Langen, und Sophie Webel (r.), Direktorin Foundation Dubuffet, stehen nebem de Bild Lili Blanc, roux et lilas, aus dem Jahr 1946.

Rhein-Kreis. 1942 war Jean Dubuffet 41 Jahre alt, als er den Weinhandel aufgab und sich der Kunst der wilden Kerle, subversiven Paare und zauberhaften Mondgesichter widmete.

Von 1943 stammt das früheste Werk, das Viktor und Marianne Langen von ihm kauften, "Der Zweispitz" aus der Serie der Marionetten.

Die rotbraune Figur mit den grob in Blau gezeichneten Konturen auf dem knatschgrünen Hintergrund begrüßt die Eintretenden mit erhobenen Händen, als gebe sie sich geschlagen angesichts der sensationellen Schau der Langen Foundation.

"Laufschritt" zeigt 47 Werke des Pioniers der Moderne

47 Werke des Pioniers der Moderne sind in einer einmaligen Qualität zu bewundern. Die Sammler Viktor und Marianne Langen steuerten selbst 13 Meisterwerke bei.

Dubuffet (1901-85) war kein Naiver, kein Art-Brut-Künstler und kein Autodidakt, als er den Pinsel, die Finger, die Schere und viele andere Instrumente benutzte, um mitten im Weltkrieg ein sensationelles Werk zu beginnen.

Er war ein Freund unter Künstlern und zeitweilig der Liebhaber der ersten Frau von Léger. Er ist mit der klassischen Moderne groß geworden, hielt es jedoch nur sechs Monate auf der Akademie aus und brauchte also keine Traditionen über Bord zu werfen.

Bei seinen morgendlichen Spaziergängen durch Paris klaubte er Teerbrocken, Sand und Steinchen auf, benutzte Kalk, Sand und Kohlenstaub.

In diese Masse schrieb und ritzte er seine Frauenkörper, walzte die Figuren platt und assoziierte Leiber, die an jene Gottesanbeterinnen erinnern, die ihre männlichen Kollegen nach dem Geschlechtsakt aufzufressen pflegen.

Er prügelte, knetete, collagierte seine Materialien, aber er verleugnete weder die menschliche Figur noch die Landschaft. Dies sind denn auch die Hauptthemen der Schau. Atemberaubend ist die Porträt-Serie der Freunde von 1946.

Antonin Artaud schaut aus einem verkniffenen Gesicht auf uns Betrachter. Die Nase sitzt wie ein Kreuz in der Mitte, die abstehenden Haare verleihen dem Kopf Flügel. Anders Lili, Dubuffets junge Frau: ein rundes, liebliches Gesicht mit kleinem Kussmund.

Die Ausstellung zeigt zerschnittene, aus Teilen anderer Werke zusammengesetzte Bilder der 50er Jahre, die in ihren erdigen Tönen an das Laub in den Gärten oder an Meeresschlick erinnern.

Doch immer wieder fingert und ritzt er aus der weichen Masse Singles und Pärchen, Käferkörper, archetypische Sinnbilder des Lebens.

Dann wieder pinselt er Kaffeehaus-Szenen wie ein Illustrator der 50er Jahre oder kritzelt gebückte Bauern bei der Kartoffelernte, als seien sie prähistorischer Höhlenmalerei entsprungen. Es gibt schillernde Landschaften aus beschmierten Alufolien, wie Fundstücke von einem anderen Stern.

Den Abgesang macht "Bolero" (1983), ein acht Meter breites Panorama aus dem Centre Pompidou. Es wirkt wie im "Laufschritt" erfasst. So nannte er seine Biografie, und so heißt nun auch die Ausstellung der kostbaren Bilder.

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