Marie-Sophie Aust hat sich für die Geschichtshefte auf die Spuren eines Originals begeben.

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So könnte Willi Konradi ausgesehen haben, hat sich Zeichner Christoph Rehlinghaus gedacht.

So könnte Willi Konradi ausgesehen haben, hat sich Zeichner Christoph Rehlinghaus gedacht.

So könnte Willi Konradi ausgesehen haben, hat sich Zeichner Christoph Rehlinghaus gedacht.

Osterath/Bösinghoven. In Osterath gab es einmal einen Landstreicher, der es zu zweifelhafter Berühmtheit brachte. "Du löps herum wie Bulles Willi", sagte man damals zu solchen, die sich wenig um ihr Äußeres scherten. Dabei führte Willi Konradi, so hieß der 1876 in Osterath Geborene wirklich, bis zum 30. Lebensjahr ein ehrbares Dasein als Viehhirt und Maurer - bis eine Frau in sein Leben trat.

Marie-Sophie Aust hat sich in einem Beitrag für den jüngsten Band der Meerbuscher Geschichtshefte auf die Spuren des Osterather Originals begeben. Es ist eine ebenso amüsante wie tragische Geschichte, zusammengesetzt aus Erinnerungen und mündlichen Erzählungen, die im Laufe der Jahrzehnte wohl ein wenig an Wahrhaftigkeit eingebüßt haben. Doch sei’s drum, die überlieferte Schlagfertigkeit von Bulles macht ihn allemal zu einer Meerbuscher Kultfigur.

Doch noch einmal zurück zu dieser Frau. Die redete Bulles ein, ein jeder Mann müsse nur bis zu seinem 30. Lebensjahr arbeiten (wie Jesus). Das war dann offenbar auch das einzige, dessen Bulles sich noch erinnern konnte, als die schändliche Dame aus Fischeln ihm zunächst das Herz brach, um ihn dann zu verlassen - und den armen Willi verwirrt zurückließ.

Bulles führte fortan das Leben eines Vagabunden, er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, schlief im Freien oder in einer Scheune. Dass er ein guter Tänzer gewesen sein soll, bewahrte ihn nicht vor dem Militärdienst bei der preußischen Armee in einer Kaserne in Köln. Als ihm eines Tages ein Offizier über den Weg lief und ihn maßregelte, da er nicht salutiert habe, antwortete Bulles mit einer Gegenfrage: "Wieso, beste och van Osterath?"

Später wohnte Bulles auch in Bösinghoven, was ihn offenbar tief beeindruckt hatte. Denn als er einem General auf die Frage nach seinem Herkunftsort wahrheitsgemäß Auskunft gab, der damit aber so rein gar nichts anfangen konnte ("Wo liegt denn das?"), präzisierte Bulles: "Im Herzen Europas!"

Berüchtigt ist die Geschichte, als Willi Konradi sich vor dem Amtsgericht Krefeld als Angeklagter wiederfand, weil er ein frisch geschlachtetes Schwein gestohlen haben soll. Ganz Osterath füllte am Tage der Verhandlung die Zuschauerreihen - und die Neugierigen wurden nicht enttäuscht.

Vor der Urteilverkündigung forderte der Richter Bulles auf, das Geschehen doch einmal aus einer Sicht zu schildern. Diese Chance wollte Willi sich nicht nehmen lassen, und er begann: "Also Herr Richter, Sie sind jetzt mal das Schwein. . ." - weiter kam er nicht, der gesamte Gerichtssaal platzte vor Lachen. Mit 70 Jahren verstarb Willi Konradi 1946 im Altmännerheim in Schiefbahn. M.I.

» Marie-Sophie Aust: Der Landstreicher Bulles - Erinnerungen an ein Osterather Original; in: Meerbuscher Geschichtshefte, Heft 25 (ISSN 0930-3391)

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