Der Lanker Kaplan Theo Brasse war für zwei Jahre in Dachau interniert.

Lank. Im Januar vor 70 Jahren trat Theo Brasse seinen Dienst als Kaplan unter Dechant Gonella in Lank an. Sein Ruf als mutiger, aber auch störrischer, schwieriger Mensch eilte ihm damals voraus. Es sollte eine kurze Zeit in Lank bleiben, denn Brasse kritisierte öffentlich die NS-Ideologie und nahm weiterhin kein Blatt vor den Mund.

Am 19. August 1940 wurde er gezwungen, ein Schriftstück zu unterschreiben, das ihm den Aufenthalt in ganz Westdeutschland künftig untersagte. Der Grund: "Fortgesetztes staatsfeindliches und volkszersetzendes Verhalten".

Siegfried Scharbert hat sich mit dem Wirken des 1931 in Köln zum Priester geweihten Brasse ausführlich beschäftigt. In seiner Forschungsarbeit für die Lanker Heimatblätter "Bott" (2006) hat der Historiker bei seiner Quellenauswertung den Fokus auf die zweijährige Gefangenschaft im KZ Dachau gelegt. Von dort wurde der Kaplan - wie nur ganze wenige - vorzeitig entlassen.

Die Vorgeschichte

Egal ob Theo Brasse in Krefeld, Aachen-Brand, Mönchengladbach-Wickrath oder Nettetal-Hinsbeck als Kaplan tätig war - er erregte wegen seiner kritischen, provozierenden Predigten Anstoß, öffentliche Beschwerden und Versetzungen waren die Folge. Als er 1937 in Hinsbeck im Pfarrbrief zur "Rettung und Erneuerung der entgotteten, verrotteten und satanisch selbstherrlichen Welt" aufrief, war die nächste Versetzung programmiert.

So kam Brasse 1939 nach Lank. Es dauerte nur knapp einen Monat, bis er abermals in das Visier der Gestapo geriet, die seine "grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber Partei und Staat" missbilligte.

Inzwischen war der Krieg ausgebrochen, und als Brasse sich anlässlich der deutschen Besetzung von Paris im Juni 1940 weigerte, am Kirchturm die Hakenkreuzfahne zu hissen und die Glocken zu läuten, war das Fass übergelaufen.

Brasse suchte Zuflucht in einem Hospiz in Berlin, predigte weiter und gab nicht wie gefordert der Staatspolizeistelle Düsseldorf seinen neuen Aufenthaltsort an. Am 7.Mai 1941 wurde er festgenommen und nach zehn Wochen Haft in das Konzentrationslager Dachau verfrachtet.

Das KZ Dachau

Über die schreckliche Zeit im KZ erfährt man vom damals 38-jährigen Brasse nicht viel. Es sind vor allem die ausführlichen Schilderungen von anderen Geistlichen, die mit dem Lanker Kaplan im "Pfaffenblock" untergebracht waren, die einen Einblick in den menschenunwürdigen Alltag erlauben.

Brasse erhielt die Häftlingsnummer 26962, die an die Stelle von Namen und Person trat. Statt über die täglichen Gräueltaten und den Terror zu berichten, erinnerte er sich später lieber rückblickend an die (kaum möglichen) Versuche, im Lager seelsorgerische Arbeit zu leisten.

Die "Plantage"

Sehr wohl schrieb Brasse aber über seinen Frondienst auf der "Plantage", einem SS-eigenen landwirtschaftlichen Betrieb außerhalb des Lagers: "Ich war bemüht zu überleben. Ich suchte mich in Kondition zu halten und meldete mich sogar freiwillig frühzeitig zur Außenarbeit auf der Plantage."

Dort musste er "wie ein Zugtier, von morgens sechs bis abends um sieben Uhr, einen mit Komposterde beladenen Lastwagenanhänger von fünf Tonnen durch tiefen Morast ziehen oder wurde vor den Pflug, die Egge oder die Walze gespannt, um den Boden zu bearbeiten". Himmler nannte das "leichte Gartenarbeit".

Am 16. September 1943 wurde Theo Brasse entlassen. Die Umstände sind nicht ganz geklärt, zu verdanken hat er seine Freilassung wohl der Bekanntschaft seiner Schwägerin mit "Hitlers Zahnarzt" Hugo Blaschke.

Die Nachgeschichte

Theo Brasse fand, nachdem er kurzzeitig bei seinem Bruder untergekommen war, Zuflucht in einem Altersheim auf einem Schloss in Schwaigern im Kreis Heilbronn, wo er als Pfarrvikar mit der Seelsorge an der Schlosskapelle betraut wurde.

Nach Kriegsende wäre er gerne "mit der erstbesten Fahrgelegenheit" nach Lank zurückgekommen. Dazu kam es aber erst später, nachdem er im Mai 1946 zum Pfarrer in Nideggen ernannt wurde. Bei einem seiner Besuche im Oktober des gleichen Jahres zog er sich die Kritik der örtlichen Zentrums-Partei zu, weil er "offene Wahlwerbung für die CDU betreibe und in seinen Predigten für Unruhe sorge".

Theo Brasse wirkte 28 Jahre in Nideggen, ehe er 1974 in den Ruhestand ging. Er starb mit 84 Jahren im März 1987.

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