In Büttgen halten Schützen die Erinnerung an das Jahrhunderte alte Beiern wach. Die Glocken von St. Aldegundis werden von ihnen mit der Hand geschlagen.

Tradition
Fünf Glocken im Turm: Das ist schon eine Besonderheit.

Fünf Glocken im Turm: Das ist schon eine Besonderheit.

Karl Schneider, Rainer Leßmann, Johannes Schmitz, Fabian Schmitz, Ansgar Leitzke, Lauris Landis Ralf Arnert und Norbert Klein mit dem Zeigestock.

Stefan Büntig, Bild 1 von 2

Fünf Glocken im Turm: Das ist schon eine Besonderheit.

Kaarst. Über 500 Jahre alt ist die Tradition des „Beierns“, des rhythmischen Anschlagens der frei hängenden Kirchenglocken per Hand. In Büttgen war diese Tradition lange vergessen. 1982 erinnerten sich Mitglieder des Grenadier-Schützenzugs „Freiwild“ an das Beiern, seit 1995 werden sie von Schützen des Jägerzugs „Fidele Jonge“ unterstützt. An drei Terminen treffen sich die „Beiermänner“, um einfache Melodien über dem Ort erschallen zu lassen. Am Samstag war es wieder so weit.

Zehn Schützenbrüder erklimmen an diesem Tag die 69 Stufen zur dritten Etage des Glockenturms von Sankt Aldegundis.

Vorbereitungen sind erforderlich

Gut eine Stunde vor dem Beginn des Beierns kommen sie im lange Zeit höchsten Gebäude des Ortes an und bereiten die fünf Kirchenglocken aus Bronze vor. Sie setzen jede Glocke mit Seilen leicht schräg fest und verhindern so das Schwingen. Die Klöppel spannen sie mit Seilen an den Glockenschlagrand, damit diese nur einen kurzen Weg zur Glocke zurückzulegen haben. Ein in diese waagerechten Spannseile eingehängtes Zugseil wird anschließend in den unter dem Glockenstuhl liegenden Raum herabgelassen.

Auch Kommunionskinder dürfen mit hinauf

Akrobatisch bewegt sich Zimmermann Johannes Schmitz auf den Glocken, kein anderer Schützenbruder hätte diese Arbeit so sicher verrichten können. Bis zum Geläut dürfen an diesem Tag auch einige Kommunionskinder mit hinaufsteigen. Ansgar Leitzke erklärt ihnen, was Johannes Schmitz dort macht, und zeigt ihnen fünf Glocken: eine Seltenheit. Für die Beier-Leute in Büttgen bedeutet das die Möglichkeit, mehr Melodien erzeugen zu können.

Um 15 Uhr soll der erste Ton erklingen. Zuvor werden Hör-stöpsel und Gehörschutz aufgesetzt, die fünf herabhängenden Seile mit je einem Mann besetzt, dann stellt Norbert Klein die erste Notentafel auf die hölzerne Staffelei. Darauf sind die zu spielenden Töne mit farbigen Glockensymbolen markiert – jede Farbe markiert eine andere Glocke. Konzentration der Glockenspieler ist gefragt, dem Zeigestock des Dirigenten Norbert Klein ist aufmerksam zu folgen. „c, d, f, g und a“, diese Töne stehen zur Verfügung.

Um Punkt 15 zeigt Norbert Klein auf die erste Glocke auf dem Notenblatt. „Bim, bam, Bei-er“, dröhnt es. Weit schallen die acht zur Verfügung stehenden Melodien in den Ort. Viele Bewohner öffnen Türen und Fenster. „Das ist ein schönes Stück Heimat“, meint Gangolf Neunkirch, der seinen Sohn zum Beiern begleitet.

Nach einer halben Stunde legen die Beiermänner eine kleine Pause ein, gönnen sich einen Schnaps und freuen sich über den gelungenen ersten Teil ihres Schaffens, denn sie spielen wie immer, ohne geübt zu haben. Nach einer weiteren halben Stunde ist das Konzert beendet, die Glocken werden wieder freigesetzt und die Seile eingepackt.

Zur Fronleichnamsprozession steigen die Beiermänner das nächste Mal auf den Turm, dann um den 30. Januar zum Pfarrpatrozinium und wieder am Samstag vor dem Weißen Sonntag.

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