Matthias Hintz floh aus der DDR und setzte sich auf der Düsseldorfer Kunstakademie durch.

Matthias Hintz in seinem Atelier in Hülchrath.
Matthias Hintz in seinem Atelier in Hülchrath.

Matthias Hintz in seinem Atelier in Hülchrath.

Stefan Büntig

Matthias Hintz in seinem Atelier in Hülchrath.

Grevenbroich. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als die Mauer fiel, erklomm der heute in Hülchrath lebende und arbeitende Künstler Matthias Hintz die Mauer von Westen aus.

„Es war Zufall oder Schicksal, dass ich an diesem Tag mal wieder in West-Berlin war“ erinnert sich der 1959 in Merseburg an der Saale geborene Hintz. Immer wieder wich er vor 24 Jahren den Zugriffen der Grenzsoldaten aus, die ihn und drei weitere Studenten mit Wasserwerfern von der Grenzmauer stoßen wollten.

Für Hintz war diese Aktion kein Spaß, sondern offener Protest gegen ein System, das ihn seit Kindertagen eingeengt hatte.

West-Pakete hatten den Geruch der freien Welt

Matthias Hintz wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Für ihn bedeuteten die Besuche und Geschenkpakete von Verwandten aus dem Westen immer ein Fenster in die Freiheit. „Wenn ein Paket geöffnet wurde, roch das ganz anders, es war der Geruch der freien Welt“, erinnert er sich, während er am Kaminfeuer in seinem Atelier sitzt.

Eigentlich wollte er schon als kleiner Junge weg, weg aus der Enge, die keinen eigenen Gedanken und keinen Spielraum für Phantasie zuließ. Dank guter Schulnoten machte er Abitur und konnte ein Kunststudium beginnen. „Wir haben eine grundsolide technische Ausbildung erhalten, aber es fehlte die Freiheit, Kunst schaffen zu dürfen.“ Stets sei er angeeckt, mehrfach wurde ihm mit Gefängnis gedroht.

Im Alter von 27 Jahren floh er nach West-Berlin. „Schnell wurde mir klar, dass ich auch dort weg musste. Die Grenze war zu nah“, sagt Hintz. Er schaffte es auf die Düsseldorfer Kunstakademie. „Ich kam mir vor wie ein Affe aus dem Urwald, denn ich traf im Westen auf eine völlig unbekannte Kunstlandschaft mit all ihren Ausdrucksformen. Ich war rein klassisch geprägt“, erinnert sich Hintz.

Er begann mit ihm vertrauten Techniken, fertigte Holzdrucke, Reliefe und später Holzskulpturen. Der Weg war hart, die Selbstkritik ließ ihn so manches Mal an der Qualität seiner Arbeit zweifeln. Doch er biss sich durch. „Wenn ich aufhören würde, Kunst zu schaffen, wäre ich tot“, sagt der Meisterschüler von Günther Uecker.

Einer Idee folgend entdeckte er seinen „Hintz“. Das Material sind CDs, die er in einer eigens kreierten Technik zu personenhaften Skulpturen zusammenfügt, ohne Schrauben, Haken oder Ösen.

So entstehen Wesen, die teils transparent und zerbrechlich wirken, als Einheit jedoch stabil und witterungsbeständig sind. Seiner Linie „Der Mensch in den Dingen“ ist er so einen ganzen Schritt näher gekommen.

Die DDR sei für ihn nie eine Heimat gewesen, sagt Hintz am Jahrestag des Mauerfalls. Wenn er seine Eltern besuche, tue er dies voller Misstrauen gegenüber alten Bekannten, die ihn einst bespitzelten. Das weiß er, seit er seine 87 Seiten starke Stasi-Akte gelesen hat. Die Kunst jedenfalls ist für Hintz die beste Möglichkeit, Freiheit auszudrücken und zu leben.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer