Die Sommer-Serie der Westdeutschen Zeitung „Neue Steine des Glaubens“ lädt zur Wiederentdeckung des Baus moderner Kirchen, Synagogen und Moscheen ein, die oft zu Unrecht im Schatten mittelalterlicher Dome stehen. In Mönchengladbach haben wir die Kirche St. Kamillus besucht, die ein Kolumbarium beheimatet.

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Leicht erhöht „thront“ die Kirche St. Kamillus über dem so genannten grünen Arbeiterviertel im Stadtteil Dahl.

Leicht erhöht „thront“ die Kirche St. Kamillus über dem so genannten grünen Arbeiterviertel im Stadtteil Dahl.

Tobias Klingen

Leicht erhöht „thront“ die Kirche St. Kamillus über dem so genannten grünen Arbeiterviertel im Stadtteil Dahl.

Mönchengladbach. Heinz-Josef Claßen hat seinen Arbeitsplatz in einer Sakristei. Der 73-Jährige ist allerdings nicht als Priester oder Küster tätig. Claßen fungiert als Berater in Sachen Bestattungen. Und das tut er in der Mönchengladbacher Kirche St. Kamillus, die seit November 2015 ein sogenanntes Kolumbarium ist. Also eine Stätte für Urnengräber ist. „Derzeit sind hier etwa 3600 Urnen untergebracht“, erzählt Claßen in seinem Büro, das sich eben in jener Kamillus-Sakristei befindet. Insgesamt gebe es Platz für rund 5000 Urnen in Einzel-, Doppel- oder Familiengräbern.

Dass der moderne Kirchenbau seit rund zwei Jahren ein Kolumbarium ist, sei ebenso eine Art Zufall wie die eigentliche Entstehung des Gotteshauses zwischen 1929 und 1931. „Der Provinzobere des Kamillianerordens im Rheinland bekam in den 20er Jahren aus Rom den Auftrag, ein Krankenhaus in der Region zu errichten“, berichtet Claßen. „Und dann tat er 1928 eine Reise nach Berlin. Und wie es der Zufall will, saß der Provinzobere in einem Abteil mit dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt Mönchengladbach.“ Auf der langen Zufahrt nach Berlin habe sich ein Gespräch entwickelt. Mit dem Ergebnis, dass der OB bei der Vermittlung des Grundstücks im Stadtteil Dahl behilflich gewesen sei.

Bereits kurz nach der Zufalls-Zugfahrt vergaben die Kamillianer den Bauauftrag an den Architekten Dominikus Böhm, einer der bedeutendsten Kirchbaumeister des 20. Jahrhunderts. Böhm, der als Revolutionär des Kirchenbaus gilt, zeichnet verantwortlich für das Kamillianer-Krankenhaus und die Kirche St. Kamillus, die als Kapelle des Hospitals fungierte. Zum Ensemble gehören zudem Noviziat und Kloster des Ordens. Den Entwurf für das Projekt in Mönchengladbach-Dahl präsentierte Architekt Böhm 1929 bei der Weltausstellung in Barcelona. Insofern befindet sich am Rande des „grünen Arbeiterviertels“ Dahl eine architektonische Besonderheit.

Krankenhaus wurde früher „Röchel-Klinik“ genannt

Das Hospital war spezialisiert auf Atemwegs-Erkrankungen. „Hier im Stadtteil wurde das Krankenhaus liebevoll ,Röchel-Klinik’ genannt“, erinnert sich Claßen. Bis Anfang des 21. Jahrhunderts konnte der Kamillianerorden den Betrieb von Krankenhaus und Kapelle aufrechterhalten. Dann musste aus finanziellen Gründen eine neue Lösung her. Die Krankenhausgesellschaft Maria-Hilf übernahm das Zepter.

Allerdings nicht lange: Im Zuge der Zentralisierung seiner Häuser benötigte Maria-Hilf wenige Jahre später den Standort in Dahl nicht mehr. Und dann kam laut Claßen wieder der Zufall ins Spiel. „Angrenzend an das Krankenhaus-Grundstück gab es eine Fläche, die bereits viele Jahre zuvor zu Bauland geworden ist“, so Claßen. Auf der Fläche war die Baufirma Jessen aktiv. So habe es bereits gute Verbindungen zwischen dem Unternehmen und dem Kamillianerorden gegeben. Das habe letztlich dazu geführt, dass Jessen Krankenhaus und Kirche gekauft hat.

Mit Geschäftssinn entwickelte die Firma Jessen neue Ideen. Aus der „Röchel-Klinik“ wurde ein Altenheim sowie eine Ausbildungsstätte für Pflegeberufe. Und im Zuge der Veränderungen in der Bestattungskultur kam dem Unternehmen ein privatwirtschaftliches Kolumbarium in den Sinn. Im August 2014 folgte die Profanierung, also die Entwidmung von St. Kamillus. Innerhalb eines Jahres setzte Jessen dann Sanierung und Umbau der Kirche, die seit 1992 auf der Denkmalliste der Stadt Mönchengladbach steht, um.

„Im theologischen Sinne sind wir also nicht mehr in einer Kirche“, erläutert Claßen während eines Rundgangs. Nichtsdestotrotz gebe es weiterhin im Rahmen der Trauerfeiern auch Wortgottesdienste. Von Zeit zu Zeit komme es auch vor, dass es eine Eucharistiefeier gibt. Das hängt laut Claßen von der Offenheit des jeweiligen Geistlichen ab.

Architektonisch sei im Zuge der Sanierung 2014/15 nicht viel verändert worden. Im engen Austausch mit den Denkmalpflegern seien einzelne Veränderungen vorgenommen worden. So sind Schränke für die Grabstätten im hinteren Teil der Kirche errichtet worden. Und zwar über mehrere Etagen bis hin zur Empore. Das hat beispielsweise dazu geführt, dass ein Aufzug eingebaut worden ist. Die Aufbewahrung einer Urne ist sowohl im Chorraum der Kirche als auch auf einer der Emporen möglich.

Konzerte und Ausstellungen finden regelmäßig statt

Das Kolumbarium ist täglich geöffnet, damit die Angehörigen die Grabstätten besuchen können. Während der Öffnungszeiten sind die Grabplatten auch dementsprechend beleuchtet, was den heutigen Charakter des Bauwerks sehr prägt.

Neben den Trauerfeiern gibt es auch Veranstaltungen für die Öffentlichkeit: Konzerte und Ausstellungen gehören dazu. Sehr prägend ist auch das große Kunstwerk „Deutschland – deine Gesichter“. Für dieses Projekt hat der Künstler Carsten Sander in mehreren Jahren Deutschland bereist und Porträtaufnahmen von Prominenten, Obdachlosen oder Flüchtlingen gemacht. Entstanden ist ein riesengroßes Quadrat mit 1000 Fotos. Nach mehreren Ausstellungen hängt das Werk nun als Dauerleihgabe in St. Kamillus.

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