Die Sommer-Serie der Westdeutschen Zeitung „Neue Steine des Glaubens“ lädt zur Wiederentdeckung des Baus moderner Kirchen, Synagogen und Moscheen ein, die oft zu Unrecht im Schatten mittelalterlichen Dome stehen. Diesmal geht es nach Düsseldorf-Garath in die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche.

Die Sommer-Serie der Westdeutschen Zeitung Neue Steine des Glaubens“ lädt zur Wiederentdeckung des Baus moderner Kirchen, Synagogen und Moscheen ein, die oft zu Unrecht im Schatten mittelalterlichen Dome stehen. Diesmal geht es nach Düsseldorf-Garath in die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche.
Blick in die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Düsseldorf-Garath. Sie hat einen warmen Klang dank der Holzbänke und der roten Ziegelsteine über einem raffiniert gefalteten Dach. Die Architektur stammt von dem Düsseldorfer Büro Hentrich & Petschnigg.

Blick in die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Düsseldorf-Garath. Sie hat einen warmen Klang dank der Holzbänke und der roten Ziegelsteine über einem raffiniert gefalteten Dach. Die Architektur stammt von dem Düsseldorfer Büro Hentrich & Petschnigg.

Thomas E. Götz/Evangelische Kirche Düsseldorf

Blick in die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Düsseldorf-Garath. Sie hat einen warmen Klang dank der Holzbänke und der roten Ziegelsteine über einem raffiniert gefalteten Dach. Die Architektur stammt von dem Düsseldorfer Büro Hentrich & Petschnigg.

Düsseldorf. Der Stadtteil Düsseldorf-Garath war bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Winzling mit kaum 200 Einwohnern. Im Mittelalter gab es eine kleine Kapelle, Matthäus geweiht, die sich etwa 500 Meter nördlich vom heutigen Haus Garath befand. Der Kapeller Hof erhielt nach ihr den Namen, er wurde schon 1366 urkundlich erwähnt. Im 30-jährigen Krieg verfiel die Garather Kapelle. Später war es die Familie von Burgsdorff, die seit 1907 das Rittergut Garath besitzt, die ein kleines evangelisches Gotteshaus nach den Plänen des Albert von Burgsdorff (1857-1919) baute.

Erst der Düsseldorfer Stadtplaner Friedrich Tamms erweckte den Stadtteil aus seinem Dornröschenschlaf und ließ 1956 bis 1957 ein Bebauungskonzept auf 230 Hektar zwischen der Urdenbacher Kämpe am Altrhein im Westen und dem Eichenforst im Osten entwickeln.

Durch das Kuppelrund dringt Licht punktartig in den Raum

Der erste Spatenstich für die „neue Wohnstadt“ erfolgte am 18. Februar 1961 an der Ecke Lüderitzstraße/Koblenzer Straße. Im Jahr 1963 zogen in Nordwest die ersten Bewohner ein. Zeitgleich erfolgte der Baubeginn in Südwest. Die Pläne des Architekturbüros Hentrich & Petschnigg folgen postwendend. Am 26. Februar 1962 werden sie im Bauausschuss diskutiert.

Die Grundsteinlegung ist am 12. April 1964; schon am 27. Juni 1965 wird das Gotteshaus eingeweiht. Es ist der letzte Kirchbau der evangelischen Kirche im Rheinland, der nur als liturgischer Raum dient und nicht multifunktional gebaut ist. Fünf Jahre später, am 20. September 1970, wird Gottfried Böhm „seine“ Kirche Sankt Matthäus einsegnen lassen, als Teil eines Gesamtkunstwerks.

HPP ist eines der großen Architekturbüros in Düsseldorf, und zwar in vierter Partnergeneration. Das Dreischeibenhaus, der Turm der Ergo-Versicherung und jüngst der Vodafone-Campus sind stadtbildprägend. Das Büro hat sich einen internationalen Ruf für Verwaltungsbauten erworben. Es ist weltweit vernetzt.

Als Kirchenbauer ist es jedoch so gut wie unbekannt. In dieser Sparte hatten die Büros Böhm, Schwippert und Lehmbrock nach dem Krieg die Nase vorn. Dennoch ist die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Garath eine Reise wert. Der Innenraum mit dem fallenden Gestühl, die Belichtung ausschließlich durch Streiflicht und die Anordnung der Stühle um den vorgeschobenen, erhöhten Altarraum sind exzellent konstruiert und komponiert. Die Bonhoeffer-Kirche hat ihren Namen nach dem 1945 hingerichteten Widerstandskämpfer erhalten.

Ihre Schöpfer sind bei HPP der inzwischen verstorbene Architekt Hans Köllges und der Mitarbeiter Werner Nieleck. Von weitem macht die Kirche nicht viel von sich her. Die Umfassungswände sind in Stahlbeton mit innerer und äußerer Verklinkerung ausgeführt. Vier gleichförmig abgewinkelte Wände, die einander überlappen, umgrenzen das Gebäude. Aufgrund eines „Schraubverschlusses“ über der Mitte trägt sie den Spitznamen einer „Kaffeemühle“. Der Glockenturm wirkt von weitem als gehöre er zu einer Fabrik.

Der Pfiff liegt im Inneren. Durch die Überlappung der Bauelemente ergeben sich praktisch acht Teile, die versetzt zueinander angeordnet sind. In den dadurch entstehenden Winkeln befinden sich die Zugänge, die so schmal sind, dass man sie kaum findet. Aber sie sind zugleich Lichtschächte, so dass das Tageslicht rundum auf Wände und Decken fällt. Zugleich führen die Eingänge ins Treppenhaus und ins Untergeschoss zu Heizung und Lagerräumen, nicht etwa in eine Krypta.

Das Dach ist mit schmalen Holzstelen versehen

Der Innenraum überrascht. „Ein sammelnder Raum“ ist es für Pfarrer Carsten Hilbrans. Der Blick gleitet spontan nach oben unter die Kuppel. Lediglich die Spitze ist rund ausgearbeitet und ergibt den Mittelpunkt für den punktartigen Lichteinfall in den zentralen Raum.

Das Dach selbst ist ein zeltartiges Stahldach, das auf den unregelmäßigen Höhen der Seitenwände liegt. Um den rohen Beton abzumildern, ist das Dach mit schmalen Holzstäben versehen, die waagerecht liegen, deren jeweilige Teile jedoch dem Mittelpunkt in jeweils spitzen Dreiecken entgegenstreben.

Der Dachaufbau gewinnt durch das Holz und die versetzten Wände eine ungeheure Dynamik. Das Licht aus der Kuppel und aus den gläsernen Schlitzen zwischen den Seitenwänden gleitet über das Holz und sorgt an den jeweiligen Kanten für feine Differenzen in den lichten und den schattigen Partien. Zusätzlich sind aber auch Stablampen installiert, die je nach Tageszeit den Raum mit Kunstlicht versehen. Denn vor allem der Altarbereich liegt eher im Dunkeln.

An dem 45 Meter hohen Kirchturm lassen sich die Falken nieder

Ausgekleidet ist das Innere mit hellen Ziegelsteinen, den rohen Beton in waagerechten Reihungen verdeckend. Die Orgel vor der Südost-Wand und vor dem um vier Stufen erhöhten Altar ist ein klar definiertes Rechteck, der ruhende Pol gleichsam der Architektur. Entgegen der äußeren Hülle reagiert die Innenarchitektur jedoch nicht auf den Zentralbau. Die Ausrichtung auf den Altar entspricht vielmehr der Zentralperspektive.

Die acht Sitzreihen sind wie in einer Arena erhöht, mit gutem Blick auf Altar, Lesepult, Taufstein und Orgel. Der Altarkomplex ist von den ebenfalls dreiseitig aufsteigenden Reihen des Gestühls abgesetzt. Pfarrer Carsten Hilbrans macht darauf aufmerksam, dass jeder der 350 Sitze auf Basaltstelen ruht, als werde jeder einzelne Besucher von der Kirche „getragen“. Da auch der Altar auf derlei Stelen ruht, verweist der Pfarrer auf die „Bodenständigkeit“ der Kirche. Dies wird in der Veranstaltung des Vereins „Die Tafel“ deutlich, die jeden Freitag Essen für Bedürftige direkt im Kirchenraum anbietet.

Der freistehende Kirchturm ist mit 45 Metern sehr hoch. Er basiert auf einem dreieckigen Grundriss, über dem sich drei ineinander verschränkte Winkelmauern in den Himmel erheben. Wie die Kirche ist er aus verklinkertem Stahlbeton und hat Lamellen-Schlitze als Schallöffnungen für die fünf Glocken. An zwei der drei Wandflächen ist wenige Meter unter der Spitze jeweils ein Falkennest installiert, das auch bewohnt wird.

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