Im Düsseldorfer Terrorismusprozess belastet ein Aussteiger aus der Salafistenszene den Angeklagten und gerät dann selbst ins Kreuzfeuer.

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Sven Lau war einst der Mentor für Dominic Schmitz, der seine Zeit in der Salafistenszene in einem Buch verarbeitet hat. Foto links: dpa Foto rechts: Bildrechte Ullsteinbuchverlage

Sven Lau war einst der Mentor für Dominic Schmitz, der seine Zeit in der Salafistenszene in einem Buch verarbeitet hat. Foto links: dpa Foto rechts: Bildrechte Ullsteinbuchverlage

Sven Lau war einst der Mentor für Dominic Schmitz, der seine Zeit in der Salafistenszene in einem Buch verarbeitet hat. Foto links: dpa Foto rechts: Bildrechte Ullsteinbuchverlage

Düsseldorf. Dass ausgerechnet der Salafistenprediger sich in seinem Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf „schweigend verteidigen“ will – an diese Ankündigung seines Verteidigers hält sich Sven Lau ganze zwei Verhandlungstage. Dienstag bringt ihn die mehrstündige Vernehmung eines Zeugen so in Wallung, dass er – wohl auch zur freudigen Überraschung des Gerichts – selbst das Wort ergreift. Und sich zu einem Zwiegespräch mit dem ehemaligen Weggefährten hinreißen lässt. „Du erweckst den Eindruck, dass ich gewaltbereit bin. Wurdest du jemals von mir bedroht?“

Der Zeuge Dominic Schmitz verneint das, doch der Gesamtzusammenhang, in dem er zuvor über Lau ausgesagt hat, belastet den Angeklagten durchaus. Aussteiger Schmitz, der mit seinen gegelten Haaren wirkt wie der nette junge Mann von nebenan, ist einer, der es durch seine TV-Auftritte und Interviews nach seiner Buchveröffentlichung „Ich war ein Salafist“ zu einiger Berühmtheit gebracht hat – in der Szene ohnehin. Dienstag gesteht ihm der Strafsenat im Hochsicherheitsgebäude des Oberlandesgerichts zu, dass er seinen Wohnort nicht nennen muss – weil er nach eigener Darstellung bedroht wurde.

Zeuge hatte Lau in der Gladbacher Moschee kennengelernt

Der 28-Jährige hatte der Mönchengladbacher Salafistenszene angehört. Heute verdient er sein Geld mit einem Online-Handel für Düfte und durch die Tantiemen für sein Buch, von dem nach seinen Angaben bisher 9000 Exemplare verkauft wurden. 2005 war Schmitz zum Islam konvertiert, hatte den jetzt im Terrorismusprozess angeklagten Lau in dem Mönchengladbacher Moscheeverein kennengelernt. Von seiner gestrigen Vernehmung versprach sich das Gericht Erkenntnisse darüber, ob und welchen Einfluss Lau auf nach Syrien ausgereiste und dort am Kampf beteiligte Glaubensbrüder gehabt hat.

Schmitz beschreibt, wie er mit Lau Videos gedreht hat, dass er mit ihm in Sachen Islam auf Reisen war. Das Verhältnis damals sei freundschaftlich gewesen, „mal mehr, mal weniger“, sagt Schmitz. Es sei aber im Wesentlichen um die gemeinsame Missionsarbeit gegangen. Lau sei ein Mentor, eine Art großer Bruder für ihn und viele andere in der Mönchengladbacher Gruppe gewesen.

Schmitz war dabei so etwas wie ein Experte, der es verstand, Propagandavideos für den Moschee-Kanal auf der Internetplattform Youtube zu produzieren. „Ich habe mich da reingefuchst“, sagt er. Er beschreibt, wie er es schaffte, möglichst viele Klicks und damit viele Jugendliche zu erreichen, um diese zum Islam zu bekehren. Da wurden bei der Verschlagwortung Begriffe wie „TV Total“ oder „Oliver Pocher“ verwendet und so die Nutzer auf die Filme gelenkt. Und es wurden die Namen von Rappern verschlagwortet, „weil die Jugendlichen, die wir erreichen wollen, das angucken, da nimmt man nicht Andrea Berg“, sagt Schmitz.

Sven Lau steht wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht. Er soll als Bindeglied zu der ausländischen Terrororganisation Jamwa fungiert und in engem Kontakt zu einem deutschen Konvertiten in Syrien gestanden haben. Laut Anklage hat der frühere Mönchengladbacher zwei Salafisten aus Deutschland mit Hilfe eines Schleusers in die Reihen von Jamwa gelotst.

Dass er sich vor ein paar Jahren vom Salafismus abgewandt habe, habe mit der seit 2009 zunehmenden Aggressivität in der Szene zu tun gehabt. Und mit den Kampfsportaktivitäten. Und weil die Salafistenszene spätestens ab 2012 geglaubt habe, „dass der Dialogkurs nicht mehr funktioniert“. Man müsse die Demokratie hassen, sei die Devise gewesen. Er zitiert aus einem Video von Lau, in dem dieser gesagt habe, dass „wir nicht wie Christen sind, die die andere Wange hinhalten, wenn sie geschlagen werden, sondern dann gibt es Kieferbruch“.

Als Lau ihn darauf im Dialog erzürnt anspricht, sagt Dominic Schmitz: „Ich habe nicht behauptet, dass du das machst, aber du gibst das an deine Anhänger weiter.“

Auf einer gemeinsamen Reise nach Mekka kam es zum Bruch

In seiner Aussage beschreibt Schmitz, wie die Salafistenprediger Einfluss über die angesprochenen Jugendlichen gewinnen. „Diese lassen sich einen Bart stehen, laufen im Gewand herum, bekommen schon deshalb keine Arbeit. Und dann bestätigt sich in ihnen das schon vorher gepredigte Bild, dass es überall um sie herum Feinde gibt.“ Das führe zur Radikalisierung und im Extremfall auch zur Ausreise in die Kampfgebiete.

Wie es zum Bruch mit Lau kam, beschreibt Schmitz so. Dieser habe ihn zu einer Pilgerfahrt nach Mekka überredet, worüber er, Schmitz, sich sehr gefreut habe. Vor Ort aber habe Lau sich nicht um ihn gekümmert, ihn „in ein Zimmer mit fremden Brüdern gesteckt“. Er kam sich ausgenutzt vor, war gekränkt.

Das ist das Stichwort für Laus Verteidiger Mutlu Günal, in seinem Bemühen um das Erschüttern der Glaubwürdigkeit des Zeugen in die Vollen zu gehen. „Waren Sie in Herrn Lau verliebt?“, fragt er. „Waren oder sind Sie bisexuell oder homosexuell?“ Die Anwältin, die Schmitz als Vernehmungsbeistand zur Seite steht, hält das für „entehrend“. Nach einigem Hin und Her über die Zulässigkeit der Frage verneint der Zeuge sie.

Und seinem ehemaligen Mentor, der jetzt auf der Anklagebank hinter der Glasscheibe sitzt, ruft er noch verbittert hinterher: „Du bist einer, der streichelt jemandem über den Kopf, aber wenn man sich auf dein Wort verlassen hat, warst du weg.“

Und dann kommt Schmitz im Zwiegespräch mit Lau auch noch indirekt auf einen der Anklagepunkte zu sprechen: „Du hast den Konrad überredet, nach Ägypten zu gehen.“ „Ich habe niemanden überredet“, antwortet der Mann, der seit Jahren seine Mission darin sieht, andere zum Islam zu bekehren.

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