Bei O wie Obst geht es im Sommer-ABC ums Damals und Heute und um das Wiederentdecken und Neuerfinden.

Mönchengladbach. Es war einmal: Eine Zeit, in der es dann Obst gab, wenn es an den Bäumen und Büschen im eigenen Garten oder am Wegesrand in der Nähe reif war.

Eine Zeit, in der nicht jede Sorte das ganze Jahr über frisch eingeflogen im Supermarkt-Regal zu bekommen war. Eine Zeit, in der umso mehr das Konservieren wichtig war: um die Ernte nicht verkommen zu lassen und auch noch im Winter etwas von den Früchten zu haben.

Aber ganz einfach auch, weil es für viele schlechte Zeiten waren und jedes Nahrungsmittel, das man irgendwie länger aufbewahren konnte, zählte. Dörrobst oder eingekochtes beziehungsweise eingewecktes Obst waren eine Möglichkeit.

Sommer-ABC

"Marmelade zu kochen war allerdings ein Luxus am Niederrhein", weiß Rita Mielke, Autorin des Buchs "Niederrheinische Küchengeschichten". In der "ländlichen Region" hätten sich viele eine wesentliche Zutat fürs Marmeladekochen nicht leisten können: den Zucker.

"Gelees und Marmeladen waren nur etwas für Feiertage", sagt Mielke. Eine Ausnahme sei zum Beispiel Quittengelee gewesen. "Es gab viele Quitten und man brauchte zum Kochen nur wenig Zucker." Ansonsten seien eher Rübenkraut, Birnenkraut und Pflaumenmus hergestellt worden. "Etwas, das man durch langes Kochen konservieren konnte."

Schon zu Napoleons Zeiten wurde eingekocht. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel Gläser, deren Ränder glattgeschliffen waren und mit Gummiringen und Blechdeckeln verschlossen wurden - die noch heute typischen Einweckgläser. Richtig in Mode kam das Einwecken nach dem Ersten Weltkrieg. Buch: Die "Niederrheinischen Küchengeschichten" aus dem Mercator-Verlag, kosten 22,80 Euro.

Die Zeiten haben sich geändert: Das ganze Jahr über gibt es alle Obstsorten. Und wer Marmelade will, bekommt sie fertig im Supermarkt. Aber trotzdem ist Marmeladekochen in. In Tagen, in denen Kochen und Genuss immer mehr Thema sind und TV-Sendungen mit Lichter, Lafer oder Linster boomen, liegt auch das Herstellen des Brotaufstrichs in der eigenen Küche im Trend.

Die Marmeladen-Expertin Brigitte Georges hat noch weitere Trends ausgemacht: "Marmeladekochen ist ganz stark im Kommen. Aber es ist interessanterweise ein Sommer-Trend, obwohl es auch so schöne Winterfrüchte gibt", sagt die Mönchengladbacherin, die selbst hergestellte Marmeladen, Chutneys, Liköre und andere Produkte auf Märkten, in Feinkostgeschäften und Obst- und Gemüseläden in der Region vertreibt. Ihre Kunden experimentieren vor allem im Sommer auch selbst, erzählen ihr am Marktstand davon und holen sich Tipps bei ihr.

Den zweiten Trend, den sie sieht, ist, "es anders zu machen als in Großmutters Rezepten". Also mal anders zu arbeiten, mit Chili oder Kräutern zum Beispiel. Sie rät dazu zum Beispiel mal mit Rosmarin, Thymian oder Rosen zu arbeiten. "Mann kann sich auf den Geruch der Früchte und Kräuter konzentrieren und weiß meist, ob es zusammen passt."

Auch ein Geruchstest ist möglich. "Man reibt an den Kräutern, um die ätherischen Öle freizusetzen und riecht gleichzeitig an der Frucht." Basilikum und frischer Apfel sei zum Beispiel eine "tolle Kombination".

Georges hat für alle, die diese und andere Sorten ausprobieren wollen, die Empfehlung: "Obst der Saison zu nehmen, also regionale Produkte, weil es am aromatischsten ist, im Moment sind das also Beeren wie Brom- und Johannisbeeren".

Ausnahmen seien "natürlich Zitrusfrüchten. Auf keinen Fall gehört für sie "angedötschtes Obst" in die Marmelade. Den Spruch "das ist nicht mehr so gut, das kann man in die Marmelade tun" lässt sie nicht gelten. Und sie ist gegen Schnell-Einkoch-Zucker. "Man bekommt den Geschmack der Früchte einfach nicht so toll raus."

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