Albert Sturm hat in Gladbach vielerorts Probleme wegen mangelnder Barrierefreiheit.

Albert Sturm muss teilweise auf der Straße fahren.
Albert Sturm muss teilweise auf der Straße fahren.

Albert Sturm muss teilweise auf der Straße fahren.

Knappe

Albert Sturm muss teilweise auf der Straße fahren.

Wenn Albert Sturm mit seiner Frau zum Einkauf möchte, muss er alles sehr genau planen. Wo ist das nächste barrierefreie WC? Wo kommt er mit seinem Rollstuhl den Bordstein hinauf? Und gefahrlos herunter? Sein Gefährt rollt über den extrem schmalen Gehweg an der Mittelstraße in Rheydt. Und an einer Stelle, an der Autos parken, ist Schluss: „An dem Außenspiegel komme ich nie vorbei“, sagt er. Also fährt er zurück zum nächsten abgesenkten Bordstein und tuckert über die Straße – während sich hinter ihm langsam aber sicher die Autos stauen. „Diese Straße ist für Leute mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen eine absolute Katastrophe“, sagt Sturm, Vorstandsmitglied im Sozialverband VDK in Mönchengladbach.

Sturm, seit 2003 auf den Rollstuhl angewiesen, weiß: Gerade in Rheydt, seinem Wohnort, hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Die Innenstadt ist durch das Projekt „Soziale Stadt Rheydt“ deutlich barrierefreier geworden. Aber eine ganze Reihe Stellen ist noch immer schwierig: in der Mittelstraße mit ihren vielen Supermärkten, in deren Nähe es überdies Behinderten-Einrichtungen und das Medicentrum gibt. Der Bahnhof Rheydt, in dem es keine Aufzüge gibt und dessen Türen er ohne Hilfe schon gar nicht öffnen kann. Einmal in der City angekommen, sucht er in der Shopping-Galerie am Marienplatz vergebens nach einem barrierefreien WC. Es gibt keins. „Die entsprechenden Vorschriften werden sehr individuell interpretiert“, sagt Sturm, der ohne die Hilfe seiner Frau Karin nur schwer zurecht kommen würde. Das betrifft sogar auch Geschäfte, die zwar eine Rampe am Eingang haben (etwa ein Viertel hat noch Stufen), in denen es im Inneren aber zu eng ist für einen Rollstuhl.

In den nächsten Jahren wird es keine Maßnahmen geben

„Mönchengladbach kann sicher kein Reha-Zentrum werden“, sagt Karin Sturm. „Aber echte Barrierefreiheit bedeutet doch, dass ein Rollstuhlfahrer komplett ohne jede Hilfe alles erledigen kann.“ Barrierefreiheit betrifft in Mönchengladbach knapp 16 000 Menschen mit Behinderung und rund 55 000 Senioren.

Für Ingrid Icking, Inklusionsbeauftragte der Stadt, ist die Mittelstraße eine der größten Problemzonen: „Diese Straße ist einfach überfordert.“ Es gebe bereits eine Überplanung, und Mittel seien beantragt, aber erst für 2019/20. Man wolle nun überlegen, außerplanmäßig Fördergelder zu beantragen. Auch am Hauptbahnhof Rheydt sind konkrete Umbauten geplant, zwei Aufzüge soll es etwa geben. Das dürfte allerdings auch noch einige Jahre dauern.

Eine Shopping-Galerie ohne barrierefreies WC ist im Minto undenkbar, in Rheydt aber Alltag. Eigentlich ist laut Landesbauordnung für öffentlich zugängliche Gebäude eine Toilette, die von Rollstuhlfahrern genutzt werden kann, Pflicht. Es gibt aber auch Ausnahmen, wenn etwa der Mehraufwand wegen schwieriger Verhältnisse vor Ort unverhältnismäßig sei. „Die Leute haben absolut recht. Das ist für mich nicht nur eine Frage der Landesbauordnung, sondern ganz einfach eine Frage der Services“, sagt Centermanager Hans Jürgen Kleewald.

Er habe das Thema schon bei vier Eigentümern versucht zu platzieren, doch bisher habe keiner die Kosten für einen entsprechenden Umbau schultern wollen. Er werde sich beim Eigentümer DIC weiter dafür einsetzen. Bis dahin muss Albert Sturm in Cafés ausweichen, zur Bibliothek fahren – oder auf das neue barrierefreie WC im neuen Karstadt-Untergeschoss warten.

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