Nach den Durchsuchungen im JHQ und weiteren 63 Objekten in NRW am Dienstag gaben die Ermittler am Mittwoch Details ihrer monatelangen Ermittlungen bekannt.

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Hans Josef Hackin, Kopf der Ermittler-Truppe.

Hans Josef Hackin, Kopf der Ermittler-Truppe.

Ahlen

Hans Josef Hackin, Kopf der Ermittler-Truppe.

Mönchengladbach. 300 Umzugskartons voll Beweismaterial, 170 Festplatten und weitere Speichermedien sind bei den Durchsuchungen auf Militärgeländen, in Unternehmen und Privatwohnungen in NRW am Dienstag sichergestellt worden. Das ist die Bilanz, die Polizei, Steuerfahnder und Staatsanwaltschaft gestern präsentierten.

Auch wie sie der Schmiergeld-Affäre auf die Spur kamen, erklärten die Ermittler. Ein Beteiligter der Korruptionsaffäre hatte den Stein ins Rollen gebracht. Über Jahre hatte der Unternehmer aus dem "Raum Mönchengladbach", wie es der Leiter der Ermittlungskommission, Hans Josef Hackin, formuliert, gut am System verdient. Dann wurde er bei den Aufträgen von den Zivilbeschäftigten der britischen Streitkräfte nicht mehr berücksichtigt.

"Nennen Sie es Neid oder Rache", sagt Staatsanwalt Wolf-Tilman Baumert. Der Mann habe jedenfalls vor dem geschäftlichen Ruin gestanden. Weil andere Beteiligte der Affäre dem Tippgeber "vielleicht nicht dankbar verbunden sind", wollen die Ermittler nichts Genaueres zu Wohnort und Person sagen.

Aber so erklärt es sich, dass sich Mönchengladbach und Elmpt als Schwerpunkte der Affäre darstellen. Allein in Mönchengladbach wurden, wie berichtet, 13 Objekte, darunter Büros im Joint Headquarter (JHQ), durchsucht.

"Unser Zeuge kommt von hier, deshalb ist aus dem Bielefelder Bereich eher weniger bekannt", sagt der Staatsanwalt. Inwieweit es ein Netzwerk zwischen Unternehmen und Zivilbeschäftigten gegeben hat, können die Fahnder noch nicht abschätzen. "Einige der mutmaßlichen Täter hatten jedenfalls Kontakt zueinander", sagt Baumert.

Es wurden 64 Objekte durchsucht, gegen 21 Zivilbeschäftigte und 18 Unternehmer wird ermittelt. Angehörige des Militärs sind nicht betroffen.

Für jede einzelne Tat kommen Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und fünf Jahren in Betracht. Eine Selbstanzeige wirkt strafmildernd - inwieweit das jetzt noch in Betracht kommt, entscheidet das Gericht.

Auch eine klassische "Täterstruktur" gebe es nicht, erläutert Hackin: "Da gibt es kleine, mittelständische, aber auch große Unternehmer." Allerdings seien die Verdächtigen alle eher mittleren bis gehobenen Alters, einer sei bereits Pensionär.

Der Schaden liege "bisher im einstelligen Millionenbereich", sagt der Staatsanwalt. Erfahrungsgemäß steige die Summe aber parallel zum Erkenntnisstand. Geschädigte seien vor allem die britischen Steuerzahler, so Regierungsdirektor Winfried Heckner von der Steuerfahndung. Da Schmiergeld nicht aus dem Gewinn einer Firma gezahlt, sondern meist über überhöhte und fingierte Rechnungen "wieder hereingeholt" würde, könne ein Schaden für den deutschen Staat nicht ausgeschlossen werden.

Bei ihren Ermittlungen beziehen sich die Fahnder auf Taten der vergangenen fünf Jahre. Obwohl es Erkenntnisse gibt, dass das System länger funktioniert. Ältere Fälle sind verjährt.

Neben Schmiergeldbeträgen zwischen einigen hundert und etlichen tausend Euro pro Fall soll es Vergünstigungen wie Reisen nach Thailand, in den Skiurlaub, Besuche bei der Borussia oder bei Formel1-Rennen gegeben haben.

Die Palette der Taten ist breit: Aufträge wurden gesplittet, um unter Grenzen zu kommen, bei denen man sie frei, ohne Ausschreibung, vergeben konnte. Material wurde nicht geliefert oder Tage später zurückgeholt und anderen Lieferanten verkauft.

2006 war ein Fall bei den Briten aufgefallen, der entsprechende Mitarbeiter entlassen worden. "Ansonsten scheint es, als hätten die Briten die Augen zugemacht und lasch kontrolliert", urteilt Hackin.

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