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Andreas Bischof

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Mönchengladbach. Im Prozess um brutale Geiselnahme, Erpressung, Bedrohung und Misshandlung gegen vier Türken und einen Deutschen aus Mönchengladbach hat es am Freitag eine überraschende Wende gegeben. Nachdem die Richter vorher einer Mauer des Schweigens gegenübersaßen, hat nun – kurz vor dem geplanten Ende des Prozesses – der 30-jährige Mustafa A. geredet.

Er wolle sich vor allem noch einmal beim Opfer Murat K. entschuldigen, sein Gewissen plage ihn. Und dann erzählt er von der Nacht des 1. auf den 2. Februar 2010. Von einem Streit über 3000 Euro, die sein guter Bekannter Mahmut T. (31) vom Opfer zu bekommen gehabt hätte. „Bei uns Türken stehen Ehre und Stolz an erster Stelle“, erklärt er – der einzige Deutsche in der Gruppe. Dazu gehöre es eben auch, solche Dinge zu regeln.

Er habe nicht gewusst, was geschehen sollte, als Mahmut T. ihn in dieser Nacht angerufen habe. Und er habe absolut keine Lust gehabt, ans Telefon zu gehen, weil er sich gerade anschickte, sich mit seiner Freundin zu treffen. Trotzdem sei er ohne nachzufragen zu dem Parkplatz an der A 61 gefahren, wo in einem anderen Auto die Mitangeklagten und das Opfer warteten. „Ich sah, dass er schon verprügelt worden war, habe ihm auch erstmal eine Ohrfeige gegeben“, erklärt er.

In zwei Autos sei es dann weitergegangen, bei einem Halt in einem Waldstück bei Eicken habe es weitere Prügel gegeben, dann sei T. mit dem Opfer bei ihm eingestiegen. Seine Freundin habe verängstigt auf dem Beifahrersitz gesessen und nichts gesagt.

Schon von da an habe er immer wieder gefordert, es sei genug, man solle das Opfer jetzt zurückbringen. Aber schließlich habe T. eine Pistole gehabt, von der er nicht wisse, ob sie „echt oder mit Gas“ gewesen sei. „Wir fahren erst nach Hause, wenn ich fertig bin“, zitiert A. seinen guten Bekannten. Er habe später sogar versucht, dem Opfer zu helfen, seiner Freundin auf dem Handy-Display mitgeteilt, sie möge ihn beruhigen. Zwischenzeitlich habe T. sogar die Autotür geöffnet, das Opfer hinausstoßen wollen. An einen Vorfall auf der Brücke in der Nähe des Handelshofes, wo T. gedroht haben soll, Murat K. von der Brücke zu werfen, kann er sich erst auf Nachfrage des Richters erinnern.

Dass seine damalige Freundin nun, nachdem er das Schweigen gebrochen hat, auch aussagen soll, ist ihm unangenehm. Er ist verheiratet, hat eine sechsjährige Tochter. Aber binnen einer halben Stunde ist die junge Frau ins Gericht gebracht worden. Sie bestätigt die Aussagen von Mustafa A. so genau, dass der Verteidiger von Mahmut T. vermutet, es könne sich um eine abgesprochene Aussage handeln. Das bestreitet die 21-Jährige jedoch.

Diese halbe Stunde Prozesspause müssen die vier Angeklagten, die noch schweigen, in Arrestzellen verbringen, sie werden zur Wahrung des Prozesses kurzfristig festgenommen.

Nach den Aussagen der Freundin kündigen die vier Anwälte unisono an, dass am nächsten Donnerstag auch ihre Mandanten ihr Schweigen brechen werden. Für Cemal S. (21), der wegen Beihilfe angeklagt ist, fordert sein Anwalt dann für die letzten Prozess-Schritte einen Dolmetscher an. Er sei des Deutschen nicht richtig mächtig, brauche das, wenn komplizierte Sachverhalte dargestellt werden. Als Richter Lothar Beckers daraufhin die Hutschnur platzt und er dem Anwalt vorhält, er hätte bereits am ersten Tag sagen müssen, dass sein Mandant nicht richtig verstehe – „Es wäre ein Skandal, wenn wir hier über jemanden verhandelten, der nichts versteht“ – beeilt er sich zu erklären, dass es nur um juristische Fachbegriffe gehe.

Die fünf Täter müssen mit Haftstrafen von fünf Jahren an aufwärts rechnen – die noch Heranwachsenden unter ihnen mit entsprechend weniger.