140 000 Menschen starben unter den Nazis im KZ in Theresienstadt. Eine von ihnen war Selma Horn. An sie wird bald auf besondere Weise erinnert. Ihr Enkel freut sich.

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Selma Horn als junge Frau – das ist eines der Familienfotos, die Enkel Guido Paganetti geblieben sind. (Repro: Reichartz)

Selma Horn als junge Frau – das ist eines der Familienfotos, die Enkel Guido Paganetti geblieben sind. (Repro: Reichartz)

Selma Horn als junge Frau – das ist eines der Familienfotos, die Enkel Guido Paganetti geblieben sind. (Repro: Reichartz)

Mönchengladbach. Nur 30 von 1300 Mönchengladbachern jüdischen Glaubens überlebten den Holocaust. Selma Horn aus Odenkirchen hatte kein Glück. Sie starb im Konzentrationslager Theresienstadt. Nur wenige Wochen nach ihrem Mann Felix. Das Paar verhungerte. "In Hitlers ,Musterlager’ hat man ihnen einfach zu wenig zu essen gegeben, um zu überleben", sagt ihr Enkel Guido Paganetti (82). "Danach hieß es dann in solchen Fällen, die Menschen seien an Herzversagen gestorben." Nur etwas mehr als ein Jahr hatten Selma und Felix Horn in Theresienstadt überlebt.

An Selma Horn, Tochter eines alteingesessenen Odenkirchener Textilfabrikanten, erinnert seit 2009 der Selma-Horn-Weg. Doch auch für viele Odenkirchener ist das nur ein Straßenname wie jeder andere. Deshalb soll ab Sonntag, 10 Uhr, ein Zusatzschild auf den Menschen, das Schicksal und den Leidensweg hinter diesem Namen hinweisen. Die Linke Liste Odenkirchen hatte sich sowohl für den Straßennamen stark gemacht als auch jetzt das Zusatzschild in Auftrag gegeben. "Ich bin sehr dankbar dafür", sagt Guido Paganetti.

Er erinnert sich noch gut an die Erzählungen seiner Mutter vom Abschied ihrer Eltern. "Bis auf einige kleinere Hetzereien waren sie in Ruhe gelassen worden", berichtet Paganetti über das Fabrikanten-Paar. Man kannte die Horns, sie hatten einen gewissen Status, und Felix Horn hatte sich durch eine persönliche Beziehung zum für Odenkirchen-Mitte zuständigen NSDAP-Ortsgruppenleiter "immer ziemlich sicher gefühlt". Als die Horns offiziell aufgefordert wurden, sich für die Abreise per Bus nach Düsseldorf im Juli 1942 bereit zu machen, beruhigt sie ihr Schwiegersohn, Guido Paganettis Vater Otto, dass sie "wie feindliche Ausländer interniert, aber doch nicht schlecht behandelt werden".

Nur ein Jahr überlebte das Fabrikanten-Paar im KZ

Am entscheidenden Tag wurde das Gepäck, so der Enkel, "wie zu einer Urlaubsreise verladen". Was danach passierte, mag sich Guido Paganetti gar nicht vorstellen. Die Horns wurden an diesem Tag gemeinsam mit weiteren 118 Erwachsenen aus Gladbach, Rheydt und Wickrath deportiert. Paganetti hat viele Jahre später das KZ Theresienstadt besucht, die Räume gesehen, in denen seine Großeltern meist getrennt von einander lebten. Felix Horn starb, wie der Familie ein überlebender Mithäftling nach Kriegsende berichtete, im August 1943. Er wurde 75 Jahre alt. Seine Frau überlebte ihn nur etwa sechs Wochen. Sie verhungerte mit 67 Jahren.

Dass die einzige Tochter, Lieselotte, den Krieg überlebte, verdankte sie einem heimlichen Kommunisten, der ihr 1943 beim Untertauchen in Berlin half. Ihr einziger Sohn und der einzige Enkel der Fabrikanten-Familie Horn, Guido, überlebte unter den Fittichen Verwandter in Freiburg. Als Halbjude hatte er das Gymnasium verlassen müssen. Nach dem Krieg machte er Abitur, studierte in Aachen, wurde Diplom-Ingenieur und arbeitete im Kabelwerk Rheydt. Heute lebt er im Haus seiner Großeltern in Odenkirchen.

Josef Horn gründet mit Lazarus Oberländer um 1861/62 die Textilfabrik "Horn und Oberländer", Ruhrfelder Straße, später von Horn allein geführt unter seinem Namen. Josef und Amalia Horns Tochter Selma heiratet Felix Horn (nicht verwandt, trotz des Namens). Er tritt 1902 in die Firma ein, Josef scheidet aus. 1909 wird von der Firma Felix Horn eine zweite Fertigung an der Duvenstraße errichtet. Durch den Druck der Arisierung übernimmt der katholische Schwiegersohn Otto Paganetti 1933 die Firma. Sie wird zur Weberei Coenen & Paganetti.

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