Gladbach-Trainer
Lucien Favre

Lucien Favre

dpa

Lucien Favre

Mönchengladbach. Im Laufe der kommenden Wochen werden sie an der Hennes-Weisweiler-Allee immer wieder inne halten, in sich gehen und das Rad der Zeit noch einmal kurz zurückdrehen. Denn vor vier Jahren um diese Zeit lag Borussia Mönchengladbach am Boden, war dem Abstieg nahet: Mit zehn mickrigen Punkten belegte der VfL Platz 18. Letzter.

Doch durch den Trainerwechsel am 14. Februar 2011 änderte sich alles zum Guten. Mit Lucien Favre kam das Glück und die Wende. Der Schweizer Trainer hauchte der Borussia wieder Leben ein, setzte neue Reize, holte mit seiner Mannschaft in den restlichen zwölf Partien noch 20 Punkte. So wehrte Gladbach nach einem fulminanten Endspurt nicht nur den Sturz in die zweite Liga ab, sondern auch den Putsch der Opposition um Ex-Profi Stefan Effenberg.

„Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen.“

„Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen.“ Wie oft hat der 57-jährige Fußballlehrer Favre aus dem Dorf St. Barthelemy im Kanton Waadt nach dem Beinahe-Abstieg 2011 diesen Satz von sich gegeben, als wieder einmal der Moment gekommen war, auf die Euphoriebremse zu treten und den einen oder anderen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Eine Strategie, die sich dermaßen positiv ausgezahlt hat, so dass Gladbachs Sportdirektor Max Eberl nach fast vierjähriger Zusammenarbeit mit Favre zufrieden festhalten kann: „Favre passt perfekt zu Borussia, aber Borussia passt auch zu Favre.“

Inzwischen gehört der VfL von 1900 wieder zum Establishment im deutschen Fußball, ist beliebter denn je, in sich noch mehr zusammen gewachsen und ist einer jener Vereine der Bundesliga, die über ein solides wirtschaftliches Fundament verfügen. Seitdem Eberl mit dem Schweizer Trainer im Borussia-Park „gemeinsame Sache“ macht, läuft das Fußballgeschäft im Nordpark tatsächlich wieder präzise wie ein Uhrwerk. Nach der Rettung 2011 im Relegations-Krimi gegen den VfL Bochum startete Gladbach in der ersten kompletten Favre-Spielzeit gleich voll durch, wurde Vierter, spielte international und ist nun sogar zum zweiten Mal auf Europatournee.

Selbst so herbe personelle Verluste wie der von Marco Reus oder Dante hat der Verein weggesteckt. Ja, der Kapitalwert der Mannschaft hat sich seitdem sogar erhöht, und nach der Hinrunde taucht die Fohlen Elf erneut in der Spitzengruppe der Bundesliga auf. Mehr noch: Cheftrainer Lucien Favre und sein Team mischen auch im DFB-Pokal mit (Erreichen des Achtelfinales) und haben zudem den feinen Zwirn für weitere internationale Trips wieder frisch aufgebügelt. In der nächsten Runde der Europa-League-Tournee wartet zunächst ein Gastspiel beim FC Sevilla. „Wir haben in diesem Jahr noch einiges vor“, sagt dann auch Max Eberl, der an der jüngeren Erfolgsgeschichte des Klubs dank kluger Transferpolitik und beispielhafter Nachwuchsförderung maßgeblich beteiligt ist. Getragen wird das Gebilde vom starken Mann im Hintergrund, Geschäftsführer Stephan A.C. Schippers.

„Nur Fleiß, viel Fleiß führt zum Erfolg“, sagt Favre, der detailverliebte Fußballlehrer aus der Schweiz, wo er einst mit dem FC Zürich zweimal Meister wurde, den Pokalsieg holte und damals das Talent des jungen Fußballers Raffael förderte. Aber das ist Geschichte: Längst hat Lucien Favre seine neue Liebe Borussia Mönchengladbach ins Herz geschlossen, ist der Niederrhein zur zweiten Heimat Favres geworden. Am Valentinstag (14. Februar) zum Derby gegen den 1. FC Köln ist der 57-Jährige exakt vier Jahre Trainer des VfL, überholt dann in puncto Verweildauer bei ein- und demselben Verein den vor kurzem 80 Jahre alt gewordenen Udo Lattek (vier Jahre) und wenig später Bernd Krauss (vier Jahre/ein Monat). Nur Hennes Weisweiler (elf Jahre) und Jupp Heynckes (acht Jahre) waren bei der Fohlen Elf am Stück länger als Gladbacher Trainer beschäftigt als Favre.

Rückrunde wartet mit vollem Programm

Auf Borussia Mönchengladbach wartet in der Rückrunde ein pickepackevolles Programm: In der ersten Halbserie kamen die Gladbacher auf 27 Pflichtspiele. Um diese Marke zu knacken, müssen sie bei ihrem Tanz auf drei Hochzeiten weiter zu Höchstform auflaufen. In drei Wettbewerben noch vertreten zu sein, schaffte zuletzt Jupp Heynckes in seiner letzten Saison am Bökelberg 1986/1987.

Ein Titel sprang dabei aber nicht heraus. Das glückte zuletzt Bernd Krauss mit dem DFB-Pokalsieg 1995. Dieser Triumph jährt sich im Sommer zum 20. Mal. „Die Sehnsucht nach einem Titel ist in Gladbach sehr groß, das weiß ich“, sagt Lucien Favre, „aber man muss realistisch bleiben. Es muss einfach vieles zusammen kommen. Wir nehmen auf jeden Fall alle Wettbewerbe ernst, das Wichtigste aber ist die Bundesliga. Da gibt es Bayern München und dahinter 17 Mannschaften, die eng beieinander liegen. Deswegen denken wir weiterhin nur von Spiel zu Spiel. Wir sind sehr optimistisch und ehrgeizig, aber realistisch.“

Nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, wo Borussia Mönchengladbach vor vier Jahren um diese Zeit stand.

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