Borussia Mönchengladbachs neuer Trainer vor dem Start in Darmstadt über seine Rolle als Stabilisator, neue Baustellen und alten Ärger mit Draxler und Kruse.

Personalsorgen
Dieter Hecking steht vor seinem ersten Pflichtspiel als Gladbach-Trainer.

Dieter Hecking steht vor seinem ersten Pflichtspiel als Gladbach-Trainer.

dpa

Dieter Hecking steht vor seinem ersten Pflichtspiel als Gladbach-Trainer.

Mönchengladbach. Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga mit dem 17. Spieltag die Zeit nach der Winterpause. Borussia Mönchengladbach wird am Samstag bei Darmstadt 98 spielen (15.30 Uhr). Es ist der erste offizielle Auftritt mit dem neuen Trainer Dieter Hecking.

Herr Hecking, in Ihrer Karriere ging es fast immer zielgerichtet bergauf. War alles geplant?

Dieter Hecking:
Ich war in meiner Trainerkarriere immer sehr zielgerichtet darauf aus, Bundesliga zu trainieren. Als ich das geschafft hatte, kam das nächste Ziel: irgendwann mal eine Mannschaft zu trainieren, die international spielt. Und dann wollte ich auch einen Titel holen.

Sie haben das alles geschafft.

Hecking: Als Spieler hatte ich diese Ziele nicht immer so klar vor Augen, da habe ich mich oft hintenan gestellt. Aber als Trainer war mir klar: Wenn du etwas erreichen willst, darfst du nicht nach links und rechts gucken, dann musst du ganz geradeaus deinen Weg gehen.

Sie haben in Aachen die Basis für Ihren Trainererfolg gelegt.

Hecking: Ich bin damals ungern aus Aachen weggegangen. Da gaben gravierende private Dinge den Ausschlag. Erst nach den drei Jahren in Hannover war die Frage: Wie geht es weiter? Ich war das erste Mal zweieinhalb Monate außen vor. Nürnberg war dann der Wiedereinstieg, sicher nicht für ganz oben, aber trotzdem war der Club ein toller Verein. Eigentlich war auch das eine Erfolgsgeschichte. Geprägt hat mich dann aber der nächste Schritt.

Wolfsburg?

Hecking: Die Wolfsburger wollten mich, um den Verein dauerhaft in der Spitze zu etablieren. Das war es, was ich selbst auch immer wollte. Dazu kam die Nähe nach Bad Nenndorf zu meiner Familie, dort haben wir unser soziales Zentrum. Ich konnte jeden Abend zu Hause sein. Das war vier Jahre lang eine Konstellation, die du als Trainer selten so haben kannst. Insgesamt bin ich schon stolz darauf, diesen Weg so konsequent gegangen zu sein.

Ziehen Sie Lehren aus dem Ende in Wolfsburg für den Start in Mönchengladbach?

Hecking: Wir hatten drei Jahre brutalen Erfolg. Wir haben aus einem großen Kader einen Kernkader gemacht, es ist dann steil bergauf gegangen. Bis zum 2:0 im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid. Wir haben dann 0:3 im Rückspiel verloren, was in Madrid passieren kann, aber die Frische ging danach verloren. Es fehlte dann der Glaube. Einige Spieler waren darauf sehr umtriebig und mit ihren Gedanken vielleicht schon bei anderen Vereinen.

Auch der Ex-Gladbacher Max Kruse gehörte zu ihren Problemfällen.

Hecking: Im sportlichen Bereich nicht. Aber es gab zu viele Dinge nebenher: Mir ging es seinerzeit weniger um die 75 000 Euro, die er im Taxi hat liegen lassen. Mir ging es um die Uhrzeit: In der Champions League-Woche morgens um 5 Uhr in Berlin im Taxi - das kannst du als Verein nur bis zu einem bestimmten Punkt tolerieren. Und in Wolfsburg war mit VW eine starke Mutter da, die darauf achtet, dass das Image stimmt.

Hat auch Julian Draxler dafür gesorgt, dass Sie heute in Mönchengladbach sind?

Hecking: Julian hatte mich nach der EM angerufen, er wolle den Verein verlassen. Für ihn war klar: Ich habe das jetzt kommuniziert, ich darf jetzt gehen. Ich habe Julian damals gesagt: Ich verstehe dich, ich würde auch gerne bei einem Verein arbeiten, der Champions League spielt. Aber wir haben das hier zusammen verbockt. Und dass es hier für dich weitergeht, ist längst auf ganz anderen Ebene entschieden worden. Was ich heute noch komisch finde: Erst wurden wir abgefeiert, dass wir ihn nicht haben gehen lassen, dann hieß es später: Hättet ihr ihn mal gehen lassen. Irgendwann war klar, dass der Gedanke, etwas Neues zu starten, in diesem Verein immer größer wurde. Das muss man dann irgendwann akzeptieren. Man merkt dann als Trainer, dass es vielleicht auch nicht mehr hundertprozentig passt. Ich hege keinen Groll.

Sind Sie danach nervös geworden, bevor Max Eberl anrief?

Hecking: Ich habe meiner Frau immer gesagt: Es gibt ein paar Vereine, bei denen ich darüber nachdenken würde, wenn eine Anfrage käme. Borussia Mönchengladbach war einer von diesen Vereinen. Als Max Eberl anrief, war klar, dass ich es mir vorstellen kann, wenn das alles sauber mit André Schubert besprochen ist - und nichts hinter dem Rücken geschieht.

Nun sind Sie da, stehen kurz vor dem Liga-Debüt in Darmstadt. Hat Sie der Eindruck, den Ihre Mannschaft beim Wintercup in Düsseldorf gemacht hat, aufgeschreckt?

Hecking: Man muss alles realistisch einschätzen. Wir hatten nach dem Ende des Trainingslagers in Marbella eine sehr positive Grundstimmung. Das Spiel gegen Düsseldorf danach ging aber gar nicht. Wir hatten keine taktische Disziplin nach dem Rückstand, haben die Ordnung verloren. Dann wird es gegen jeden Gegner schwer. Trotzdem ist aber nicht alles schlecht. Es hieß, die Mannschaft habe keinen Charakter und sei führungslos. Was ich verstehe: Jeder hier hat Angst um seine Borussia. Aber als Trainer muss man es schon differenzierter sehen. Mit ein bisschen Abstand war das Düsseldorfer Erlebnis sogar gut für mich, weil ich es so noch nicht miterlebt hatte.

Jetzt ist ihre Führungsqualität gefragt.

Hecking: Ich bin immer in der goldenen Mitte. Wenn alles auf mich einstürzt, werde ich noch ruhiger. Wenn es mir zu euphorisch wird, trete ich auf die Bremse.

Was unterscheidet Gladbach von Wolfsburg?

Hecking: Ich hoffe, dass der Weg der gleiche sein wird, aber es ist hier schon einiges anders: Im Spielerkader stehen viele junge Spieler, die jetzt erstmalig in einer solchen Situation stecken. Deswegen braucht diese Mannschaft jetzt auch die Unterstützung aus dem Umfeld. Ich habe unseren Jungs gesagt: Ihr seid gut, wenn alles passt. Aber im Moment haben wir einige Baustellen zu viel, die erst einmal abgearbeitet werden müssen. Im Moment suchen sie gerade einen Stabilisator und hoffen dabei auf mich, das spürt man. Die Spieler brauchen jetzt Vorgaben und müssen merken, dass sie damit Erfolg haben können. Dann kommen auch wieder Ergebnisse und Leichtigkeit. Wir müssen unsere innere Stärke wieder leben. Das hat Borussia immer für mich ausgestrahlt.

War Ihnen schnell klar, wer hier wichtig wird?

Hecking: Ich habe mit jedem ein Vieraugengespräch in Marbella geführt. Das war facettenreich und ging nicht nur um Fußball. Es war sehr offen, auch Probleme der jüngeren Vergangenheit kamen zum Vorschein. Aber die Extremsituation habe ich noch nicht gehabt mit ihnen, das müssen wir jetzt abwarten.

Die Diskussion um Vierer- und Dreierkette lebt. Wie sehr beschäftigt Sie das?

Hecking: Wenn du einer Mannschaft etwas Stabiles an die Hand gibst, dann ist die Diskussion über die Kette überflüssig. Im Moment spielen viele mit der Dreierkette, weil es im Aufbauspiel schwieriger zu verteidigen ist. Und trotzdem werde ich auch mal das Gefühl haben, dass wir jetzt die Viererkette brauchen. Im Fußball verschiebt sich vieles, erfunden wird er aber nicht neu.

Beziehen Sie die Mannschaft bei taktischen Dingen ein?

Hecking: Man wird das ein oder andere besprechen, aber natürlich gebe ich die Richtung vor.

Wer sind Ihre Fixposten im Team?

Hecking: Die Mannschaft hat eine gute Hierarchie. Yann Sommer kann eine Mannschaft führen, Andreas Christensen und Yannik Vestergaard können das, im Mittelfeld Christoph Kramer als deutscher Nationalspieler, natürlich Lars Stindl als unser Kapitän. Auch Wendt, Rafael oder Jantschke sind Spieler, die voran gehen müssen.

Welche Rolle spielt Ihr neuer Verteidiger Kolo?

Hecking: Max Eberls Gründe, ihn zu holen, waren für mich nachvollziehbar. Aber wir wissen auch, dass Kolo in Sevilla länger nicht gespielt hat. Trainingsintensität und Wetter waren ganz anders. Er kann es sicher noch besser machen, er bekommt die volle Rückendeckung.

Setzen Sie auf Josip Drmic in der Spitze?

Hecking: Josip ringt jetzt um den Anschluss. Der Weg ist weit nach so langer Pause. Wir müssen seine Belastung steuern. Ich bin vorsichtig, weil ich weiß, dass er viel will. Aber er merkt auch, dass immer wieder etwas da ist, was ihn ausbremst.

Also ist er noch kein Startelf-Kandidat.

Hecking: Das werden wir Samstag sehen.

In der Mitte des Spiels ist der Kader ein bisschen dünn aufgestellt, oder?

Hecking: Kramer, Dahoud, Strobl – klar, dass man immer darüber nachdenkt, was noch so möglich ist. Ich habe auch Andreas Christensen mal auf der Sechs spielen lassen, Jantschke kann das auch. Aber ob es das Optimum ist? Ich werde nie ein großes Thema daraus machen, intern hoffe ich aber schon, dass die Verletzten Traoré, Hermann, Strobl, Johnson und Elvedi schnell zurückkommen. Sie erhöhen die Qualität der Mannschaft.

Wird Darmstadt eine hohe Hürde sein?

Hecking: Der Druck liegt auch auf Darmstadt. Die müssen aus den nächsten beiden Heimspielen mindestens vier Punkte holen. Sie waren ein bisschen von ihrem Weg abgekommen, jetzt können wir uns darauf einstellen, dass die Mannschaft von Torsten Frings top eingestellt sein wird. Wir brauchen einen klaren Kopf.

Sind Sie nervös?

Hecking: Ja. Wenn das nicht mehr da sein sollte, kann ich auch gleich aufhören.

Sie sagten einmal, die Champions League mache süchtig. Gladbach kommt aus der Champions League. Wollen Sie schnell zurück?

Hecking: Der Ist-Zustand ist das entscheidende. Wir wollen selbst den Weg aufzeigen, wie wir wieder dahin kommen. Die Liga ist interessant, weil mit Frankfurt, Berlin, Hoffenheim und Köln ganz andere Vereine oben dabei sind. Alles ist brutal ausgeglichen. Es gibt immer eine gute Gelegenheit, wenn Mannschaft und Umfeld stimmig sind. Gladbach wird immer das Potenzial haben zu den sieben, acht Vereinen zu gehören, die die ersten sechs Plätze ausspielen. Im Moment ist das aber Zukunftsmusik. Gott sei Dank haben wir mit Europa League und DFB-Pokal noch tolle Wettbewerbe. Jetzt gehen wir aber nur das Kerngeschäft an: die Liga.

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