Gerhard Lenzen verfolgt den Prozess gegen Arnold Pier. Seine Mutter starb nach einem Martyrium.

Mönchengladbach. Gerhard Lenzens Stimme klingt zittrig und belegt. Man merkt dem groß gewachsenen Mann an, wie er um Fassung ringt. Schließlich gibt der 50-Jährige auf: "Ich will nicht weiter über das sprechen, was geschehen ist."

Das Unaussprechliche, es geschah am 19. Januar 2007: Damals starb seine Mutter Christel Lenzen im Alter von 68 Jahren in der Skandal-Klinik in Wegberg - angeblich an einem Herzinfarkt. Gerhard Lenzen aber vermutet, dass sie Opfer mehrerer Behandlungsfehler wurde, die so haarsträubend erscheinen, dass man sie höchstens im Plot eines schlechten Krimis vermuten würde. Der Sohn will nun den Gerichtsprozess mit seiner Ehefrau Heidi und seiner Schwiegermutter beobachten. Lenzen hofft, dass die Richter der Leidensgeschichte seiner Mutter Glauben schenken und den angeklagten Chefarzt Arnold Pier schuldig sprechen. Verfolgt von Fernsehkameras, betreten er und seine beiden Angehörigen das Gerichtsgebäude. Dabei sehen sie aus wie Gäste einer Trauerfeier.

Die Patientin hätte nicht weiter in Wegberg behandelt werden dürfen

Die Geschichte seiner Mutter, die Gerhard Lenzen so die Sprache verschlagen hat, ist die eines Martyriums. Am 4. Dezember wird Christel Lenzen wegen einer Angina Pectoris (Erkrankung der Herzkranzgefäße) in die Klinik Wegberg eingeliefert. Nachdem die Ärzte den Körper röntgen, entscheiden sie, die Galle zu entfernen - eine OP, die sich später als überflüssig herausstellen wird. Anschließend klagt die Frau über starke Schmerzen und wird ins künstliche Koma versetzt. Eine Computertomografie zeigt einen Infarkt der Milz und der rechten Niere, die Organe sind abgestorben.

Die Rentnerin müsste nun in eine Universitätsklinik verwiesen werden. Das Wegberger Krankenhaus verfügt gar nicht über die entsprechenden medizinischen Abteilungen, die für die weitere Behandlung notwendig wären. Stattdessen aber übernimmt Chefarzt Arnold Pier persönlich die Regie am Wegberger Operationstisch. Es entwickelt sich eine "sehr blutreiche Operation", wie es im OP-Bericht heißt. Der Chefarzt verzichtet auf das, was zum Überleben der Patientin geboten wäre: die Herausnahme der abgestorbenen Niere. Stattdessen sägt er ihr eine Rippe heraus, um Teile der Lungenhaut zu entfernen. Neun Tage später ist Christel Lenzen tot. Eine Obduktion, die später von der Staatsanwaltschaft durchgeführt wird, ergibt die Todesursache. Eine "eitrige Nierenentzündung".

Heute sagt Gerhard Lenzen: "Ich habe das Vertrauen in Ärzte verloren." Man darf davon ausgehen, dass Lenzens Leidensgenossen das Gleiche empfinden. Es handelt sich dabei um die Angehörigen der anderen sechs Menschen, die durch mutmaßliche Behandlungsfehler in Wegberg ums Leben kamen.

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