Die Willicherin Carina Huppertz(19) war für ein Jahr in Ascot und London. Ein Erfahrungsbericht.

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In der Freizeit ging’s natürlich auch mal zur Tower-Bridge.

In der Freizeit ging’s natürlich auch mal zur Tower-Bridge.

In der Freizeit ging’s natürlich auch mal zur Tower-Bridge.

Willich. Vor ziemlich genau einem Jahr stieg ich ins Flugzeug nach London Heathrow. Ich stand am Anfang meines Au Pair-Jahres in Ascot. Ziele hatte ich viele: Fließend Englisch sprechen lernen, mehr von der Welt sehen, neue Freunde kennenlernen. Meine neue Heimat lag etwa 50 Kilometer westlich von London in England.

"Provinz" hatte WZ-Mann Manuel Praest das Städtchen letztes Jahr in seinem Artikel über Jugendliche vor ihren Auslandsaufenthalten scherzhaft genannt. Eigentlich wollte ich in eine Großstadt, doch da die mir angebotene Gastfamilie so nett war, vergaß ich meine Zweifel schnell.

Worte, die man im Unterricht nicht lernt

Durch die Sommerferien war ich gleich am zweiten Tag mit den Kindern allein. Ich merkte bald, dass mein Job hauptsächlich Unterhalter war - zwölf Stunden am Stück. Trotzdem gab es viel zu lernen. Wörter wie "Käsehobel" oder "Zackenschere" lernt man im Unterricht nämlich nicht. Auch auf der "falschen", also der linken Seite, Auto zu fahren, war schwerer als gedacht. Das lag allerdings nicht nur am Richtungswechsel, sondern vielmehr am Akzent meines indisch-stämmigen Fahrlehrers, der mich an schier zur Verzweiflung trieb.

Mit dem Schulbeginn wurde mein Alltag geregelter. Nachdem die Kinder in der Schule waren, hatte ich bis 15 Uhr frei. Danach mussten die lieben Kleinen abgeholt, zu Hausaufgaben überredet, bekocht und beschäftigt werden. Gleichzeitig begann auch mein Sprachunterricht.

Keine Kontaktmöglichkeiten nach außerhalb

Zum ersten Mal in vier Wochen traf ich Gleichaltrige. Das Problem war, dass sie ebenfalls in den umliegenden Dörfern und somit gut 20 Minuten mit dem Auto von mir entfernt wohnten. Außerhalb der Sprachschule konnten wir uns nie treffen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Au-Pair-Familie zu finden. Entweder sucht man privat oder über eine Agentur. Bei der privaten Suche spart man Gebühren, hat aber keinerlei rechtliche Absicherung. Carina Huppertz hat ein paar Mädchen getroffen, die mit ihren Familien nicht zufrieden waren.

Bei der Suche mit einer Agentur schickt man einen ausgefüllten Bewerbungsbogen, eine Charakterreferenz (z.B. von einem Lehrer) und Kinderbetreuungsnachweise (z.B. Babysitten) an die Agentur und diese macht dann Familienvorschläge. Die Agentur "in via", zu der Carina Huppertz gewechselt ist, hat ein besonderes System: Alle Au Pairs kommen nach London in ein Hostel, werden dann auf ihren Job vorbereitet und haben Vorstellungsgespräche bei drei Familien. So lernt man die Familie persönlich kennen.

Die Aufgaben und Arbeitszeiten eines Au Pairs sind unterschiedlich. In England umfasst der Job 25Wochenstunden plus zwei Abende Babysitting. Dabei darf aber nur ein Babysitting-Abend am Wochenende sein. Die Aufgaben wechseln von Familie zu Familie und reichen von Kochen, Putzen bis hin zu Kinder von der Schule abholen. Als Gegenleistung wohnt das Au Pair bei der Familie. Die Familie zahlt die Verpflegung und ein Taschengeld (70 bis 80 Pfund je Woche). Außerdem hat man Anrecht auf zwei Wochen Urlaub.

Ich hatte sehr motiviert angefangen in meinen freien Vormittagen die Gegend zu erkunden, doch meine Euphorie ließ schnell nach. Ich musste feststellen, dass es einfach nichts zu erkunden gab. Abends saß ich zu Hause, schrieb E-Mails, telefonierte, lernte. Meine Sprachprüfung legte ich so schon nach einem halben Jahr ab.

Vom Großstadtflair, das ich mir erhofft hatte, bekam ich aber nur am Wochenende kleine Einblicke. Mein gesamtes Taschengeld investierte ich in Zugtickets nach London. Obwohl meine Gastfamilie sehr nett war kamen mir Zweifel. Nach drei Monaten begann ich mich bei Londoner Agenturen für neue Gastfamilien zu bewerben. Gute Chancen versprach mir keine.

Ende November kam die freudige Nachricht: Ein befreundetes Au Pair aus London hatte mich an Freunde ihrer Gastfamilie vermittelt. Meine Freude bekam jedoch schnell einen Dämpfer. Ich musste dies meiner bisherigen Gastfamilie mitteilen. Sie reagierte verletzt und enttäuscht. Die folgende Adventszeit, die ich noch in ihrem Haus verbringen musste, zog sich. Die Konfrontation mit meiner Gastfamilie hat große Überwindung gekostet, mich aber auch weiter gebracht.

Nach zwei Wochen Heimaturlaub flog ich Anfang des Jahres zurück. Diesmal mein Ziel: London Stansted. Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Meine neue Gastmutter war selbstständig und arbeitete nur manchmal, sodass ich für die Kinder eher ein Spielkamerad war. Meine Arbeitszeiten waren geregelter, die Verantwortung geringer. Außerdem war meine Gastfamilie jüdisch, sodass ich noch einen tollen Einblick in eine andere Kultur bekam.

In meiner Freizeit konnte ich Freunde treffen, die öffentlichen Verkehrsmittel waren direkt vor der Haustür, es gab Theater, Konzerte und Bars und neue Leute traf ich fast täglich.

Ich habe viel über mich gelernt, bin offener geworden. Es ist nichts so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich auf das beste Jahr meines Lebens zurück blicke.

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