Am 19. Dezember werden neue Stolpersteine in der Stadt Willich verlegt. Unter anderem für drei Männer, die in Anrath im Knast starben.

Am 19. Dezember werden neue Stolpersteine in der Stadt Willich verlegt. Unter anderem für drei Männer, die in Anrath im Knast starben.
Drei im Anrather Gefängnis ums Leben gekommene Juden sind in der Zisdonk beigesetzt worden.

Drei im Anrather Gefängnis ums Leben gekommene Juden sind in der Zisdonk beigesetzt worden.

Familie Kaufmann lebte an der Hochstraße 22 in Schiefbahn. Unser Bild zeigt eine historische Postkarte. Repros: Reimann (2)

Familie Kaufmann lebte an der Hochstraße 22 in Schiefbahn. Unser Bild zeigt eine historische Postkarte. Repros: Reimann (2)

Kurt Lübke, Bild 1 von 3

Drei im Anrather Gefängnis ums Leben gekommene Juden sind in der Zisdonk beigesetzt worden.

Willich. Die kleine Grabanlage liegt etwa 50 Meter westlich vom jüdischen Friedhof in der Zisdonk – und sie gibt Rätsel auf: Drei Männer wurden hier beigesetzt, so viel steht fest. Karl Gustav Hackelberg, Dr. Emil Hirsch und Simon Herbst waren Juden. 1943 kamen sie als „Schutzhäftlinge“ im Anrather Gefängnis zu Tode. Doch warum wurden sie in „Schutzhaft“ genommen? Unter welchen Umständen sind sie gestorben? Warum wurden sie nicht auf dem Friedhof beigesetzt? Und wer besucht regelmäßig ihre Gräber, wie die Steine auf den Grabsteinen verraten?

„Das Anrather Gefängnis hat eine unrühmliche Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus“, sagt Bernd-Dieter Röhrscheid von den Heimat- und Geschichtsfreunden Willich. Mit dem Schicksal der drei Toten aus der Zisdonk hat er sich in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Denn für sie sowie für sechs weitere jüdische Opfer der Nazis werden am Montag, 19. Dezember, Stolpersteine in der Stadt verlegt. Es ist die insgesamt sechste Aktion dieser Art in Willich.

Die Recherchen waren besonders aufwändig. Denn vielfach existierten keine verlässlichen Unterlagen über das Schicksal der neun Menschen, an die mit den Stolpersteinen erinnert wird. Über den 1923 geborenen Schneider Karl Gustav Hackelberg weiß man immerhin, dass er nach Belgien geflohen war und dort verhaftet und nach Anrath transportiert wurde. Dort starb er am 14. April 1943. Der von Amtsarzt Dr. Eugen Witte unterzeichnete Totenschein gibt als Todesursache „Blutsturz“ an. „Bei einem 20-Jährigen schon merkwürdig“, hält Bernd-Dieter Röhrscheid fest.

Der Röntgenarzt und Internist Dr. Emil Hirsch, Dozent in Berlin und Düsseldorf, starb angeblich an Kreislaufschwäche. Warum er überhaupt im Gefängnis saß, weiß heute niemand mehr. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem nach Frankreich geflohenen Kraftfahrer Simon Herbst, der im Mai 1943 nach Anrath verschleppt wurde, wo er am 12. Dezember starb – an „Lungenentzündung“, wie Dr. Eugen Witte geschrieben hat.

Die Stolpersteine für die drei Männer werden vor dem Gefängnismuseum verlegt. Dazu werden auch die „Potthusaren“ eingeladen, die das Museum betreuen, so Röhrscheid.

Erstmals werden Stolpersteine in Neersen verlegt

Drei weitere Stolpersteine wird der Künstler Gunter Demnig an der Kickenstraße 6 in Neersen verlegen – die ersten in Neersen überhaupt. Gewidmet sind sie Max Salmons, seiner Ehefrau Cilli und ihrem Sohn Manfred. Der 1896 geborene Max Salmons stammte aus Neersen. 1937 hatte er wie sein Bruder Otto angegeben, nach Argentinien ausreisen zu wollen. Otto gelang die Flucht – nicht aber Max: Die Familie zog aus ungeklärten Gründen 1938 nach Köln und wurde 1942 nach Minsk deportiert. Alle drei sind im Vernichtungslager Maty Trostinec ermordet worden.

Zu den drei ermordeten Schiefbahner Geschwistern, an die Stolpersteine erinnern werden, sagt Röhrscheid: „Ich bin selbst überrascht, wie viel wir über sie rausbekommen haben.“ Von Carl Kaufmann etwa, 1884 geboren, hatte es immer geheißen, er sei in Berlin ein bekannter Banker gewesen. „Diese Annahme hat sich als falsch erwiesen“, so Röhrscheid. Vielmehr lebte Carl Kaufmann in einem Pflegeheim in Hannover, von wo aus er 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert und später ermordet wurde.

Sein Bruder Arthur (geboren 1877) war im Dezember 1938 in die Niederlande geflohen. Als er dort am 15. Januar 1943 verhaftet wurde, lebte er in einem Altersheim in Amsterdam. Ermordet wurde er am 5. Februar in Auschwitz.

Das Schicksal ihrer Schwester Paula (geboren 1886, Foto) ist unklar: Sie lebte bis 1938 in Schiefbahn, meldete sich aber am 5. Oktober des selben Jahres zur Friedrichstraße 82 in Aachen ab. Nach Auskunft des Aachener Stadtarchivs lag dort eine Pension, von der aus Juden über die grüne Grenze nach Belgien geflohen sind. Ob Paula Kaufmann tatsächlich die Flucht gelungen ist oder ob sie nach Auschwitz deportiert wurde – eindeutige Belege dafür konnten nicht aufgefunden werden.

Zur Stolpersteinverlegung, die vom Heimatverein organisiert wird, werden Angehörige der Familie Kaufmann nach Schiefbahn eingeladen.

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