Festspiele: Hinter den Theater-Kulissen arbeitet Silke von Patay. Sie hat Räuber Hotzenplotz und die Schwarze Komödie ausgestattet, die Freitag Premiere feiert.

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Silke von Patays Schloss Neersen im Modell von Schuhkarton-Größe.

Silke von Patays Schloss Neersen im Modell von Schuhkarton-Größe.

Ausstatterin Silke von Patay zwischen ihren beiden Leichenpuppen.

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Silke von Patays Schloss Neersen im Modell von Schuhkarton-Größe.

Neersen. Diese Frau geht über Leichen. Rein beruflich, versteht sich. Im Auftrag ihrer Intendantin. "Diese Herren sind meine ersten Von-vorneherein-Toten", sagt Silke von Patay und nimmt zwischen den betagten Westen-Trägern Platz. Ohne Aufforderung legt sie sich die schlaffen Arme der Schaumstoff-Leichen über ihre Schultern. Man kennt sich eben gut.

Hinter den Kulissen

Auch ohne "Arsen und Spitzenhäubchen" ist Silke von Patay Komplizin der mörderischen Schwestern Abby und Martha Brewster. Sie zieht die Fäden hinter den Kulissen. Aber sie tut es mit einem lupenreinen Gewissen.

Denn wenn ab Freitag das komische Morden auf der Bühne losgeht, ist Silke von Patay schon auf und davon. Als Ausstatterin der Schlossfestspiele hat sie ihre Schuldigkeit getan: Kostüme skizziert, Schuhe gekauft, Hüte ausgewählt, Möbel gebaut und gerückt, Bühnenbilder gemalt, Accessoires konstruiert und zusammengesetzt...

Nach zweieinhalb Monaten Neersen "ohne Freizeit" zieht es "das Küstenkind" wieder in den hohen Norden. "Ich freue mich auf Hamburg, auf den Blick aufs Meer." Silke von Patay lässt Werkstatt und Schneiderei in der Motte nach intensiven Festspielwochen hinter sich. Das Schloss wird im Rückspiegel ihres Kombis bald so klein wie das Karton-Modell, das sie vor Wochen für das zweite Abendsstück der Spielzeit 2009 angefertigt hat.

Nach dem Kinderstück "Räuber Hotzenplotz" trägt auch die Ausstattung von "Arsen und Spitzenhäubchen" ihre kreative Handschrift. "Den Film habe ich mir vorher nicht angeschaut. Das habe ich tunlichst vermieden", sagt sie. Die DVD wird sie erst nach der Neersener Premiere einschieben.

Die gebürtige Kielerin, Jahrgang 1969, verfolgt seit ihrem 15. Lebensjahr konsequent ihren beruflichen Weg. "Ein Schul-Praktikum in der Opernschneiderei in Kiel hat den Ausschlag gegeben." Sie erzählt, dass sie aus einem "handwerklich begabten Haushalt" stammt, von ihrer Mutter, die viel nähte, von ihrem Vater, der viel baute. "Ich habe gemalt und hatte Zugang zu Stoffen." Nach dem Abitur hat sie eine dreijährige Ausbildung in einer Damen-Maßschneiderei in Kiel gemacht, dort "für Damen der Gesellschaft" genäht. Danach zog sie "mit ’nem Schuhkarton" nach Berlin. "Ich hatte nur den Namen der Direktorin an der Deutschen Oper und habe sie so lange genervt, bis ich dort drei Monate hospitieren durfte."

Anschließend studierte sie an der Hochschule der Künste fünf Jahre lang Bühnen- und Kostümbild, belegte Kurse und Vorlesungen in Architektur-, Kunst- und Theatergeschichte und Philosophie.

Nach Assistenzjahren bei Film und Theater, in Berlin, Hamburg und Stuttgart, ist Silke von Patay seit 2000 als freiberufliche Ausstatterin tätig. Engagements laufen über Empfehlungen. "Ein Regisseur muss mich kennen." Der Kontakt zu den Schlossfestspielen Neersen kam in doppelter Hinsicht über Astrid Jacob zustande. Genauso hieß nämlich eine gemeinsame Bekannte von Silke von Patay und Neersens Intendantin - Astrid Jacob.

,Mirandolina’ 2008 war von Patays erste Festspiel-Ausstattung. Sie hat gute Arbeit geleistet und sich wohl gefühlt, so dass sie auch 2009 zum Ensemble gehört.

Um Theater wie "Arsen und Spitzenhäubchen" auszustatten, liest Silke von Patay das Stück erst allein durch, macht Vorschläge zu Bühnenbild und Schauspieler-Ausstattung und be- spricht die Ideen mit dem Regisseur. Ihre Entwürfe muss sie immer an Realität und an Schauspieler-Typen messen und gegebenenfalls anpassen. Wenn beispielsweise die Statur einer elfengleichen Person nicht mit deren unerwartet burschikosen Bühnengang Schritt hält. Silke von Patay: "Ich hätte am liebsten vorher so Hinweise wie: hat Pumps-Erfahrung!"

Im Bauhof und auf Neersens Straßen ist Silke von Patay ein oft gesehenes Gesicht. Dort wundert sich niemand mehr über sonderbare Transporte: Schlaffe Körper, geschultert, die von der jungen Frau vom Biedemannsaal ins Schloss getragen werden. Wie gesagt: Die Frau geht auch über, pardon, mit Leichen. Im Auftrag ihrer Intendanz.

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