Ein Jahr nach dem berühmten Merkel-Satz zieht die WZ eine Bilanz der Flüchtlingsarbeit in der Stadt Willich.

Ein Jahr nach dem berühmten Merkel-Satz zieht die WZ eine Bilanz der Flüchtlingsarbeit in der Stadt Willich.
Regine Hofmeister und Lukas Klehr betreuen Ehrenamtler und Flüchtlinge, – vor allem im „Dorf“ an der Moltkestraße.

Regine Hofmeister und Lukas Klehr betreuen Ehrenamtler und Flüchtlinge, – vor allem im „Dorf“ an der Moltkestraße.

Im Flüchtlingsdorf an der Moltekstraße können bis zu 280 Menschen leben. Archiv

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Regine Hofmeister und Lukas Klehr betreuen Ehrenamtler und Flüchtlinge, – vor allem im „Dorf“ an der Moltkestraße.

Willich. „Wir schaffen das.“ Kaum ein anderer Satz von Angela Merkel ist in den vergangenen zwölf Monaten so oft hinterfragt und kritisiert worden. Die Bundeskanzlerin gab sich damals überzeugt, dass Deutschland die Herausforderungen durch die steigende Zahl der Flüchtlinge bewältigen wird – was viele Menschen bis heute bezweifeln. Die WZ möchte es am Beispiel von Willich nun genau wissen: Was ist seit dem Spätsommer 2015 alles geschafft worden?

Susanne Kamp, Geschäftsbereichsleiterin für Jugend und Soziales, erinnert sich noch genau: „Die Zeit zwischen Oktober 2015 und April 2016 bedeuteten für uns eine Kraftanstrengung.“ Innerhalb kürzester Zeit galt es, insgesamt 250 Menschen im Stadtgebiet kurzfristig, aber auch menschenwürdig unterzubringen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in den vorhandenen Unterkünften aber bereits um die 300 Flüchtlinge, weshalb neue Wohnmöglichkeiten gesucht werden mussten. Wohnungen und Häuser wurden angemietet und schließlich sogar die Niershalle in Neersen als Unterkunft für bis zu 180 Personen hergerichtet. Maximal 160 lebten dort.

„Einfach war es nicht, den nötigen Wohnraum zu schaffen. Aber wir haben es immer rechtzeitig hinbekommen“, sagt der Flüchtlingssachbearbeiter Marco Härtel. Die größte Herausforderung sei die „Ertüchtigung“ der Niershalle gewesen, ergänzt Kamp. Doch die verschiedenen Abteilungen der Stadtverwaltung hätten dabei sehr konstruktiv zusammengearbeitet.

„Das alles musste sich erst einmal zurecht ruckeln.“

Susanne Kamp Stadt Willich

Probleme gab es trotzdem. So warfen Flüchtlinge im Umfeld der Halle Müll achtlos weg, was zu Beschwerden von Anwohnern führte. Auch die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und ehrenamtlichen Helfern lief zunächst nicht reibungslos. Diese forderten unter anderem eine intensivere Betreuung der Flüchtlinge durch die Stadt.

Insgesamt 5,5 Stellen wurden neu geschaffen, drei weitere Kräfte sind dem Team von Susanne Kamp von anderen Abteilungen überlassen worden.

 

450 Flüchtlinge leben derzeit in Willich in 14 verschiedenen Einrichtungen der Stadt. Nicht mitgerechnet sind die bis zu 450 Personen, die in der Landeseinrichtung im ehemaligen Katharinen-Hospital untergebacht werden können. Diese soll, so die jüngste Information der Bezirksregierung, bis Mitte 2018 genutzt werden.

 

Parallel zur Flüchtlingsbetreuung hat die Stadt den sozialen Wohnungsbau voran- getrieben: Bis Ende des Jahres werden 40 neue Wohneinheiten mit städtischer Förderung umgesetzt.

 

„Das alles musste sich erst einmal zurecht ruckeln“, beschreibt Susanne Kamp den damaligen Zustand. Die Stadt trug ihren Teil dazu bei. So wurden Trupps aus Hallenbewohnern in Neersen gebildet, die den Müll beseitigten. Mit Regine Hofmeister wurde eine Ehrenamtskoordinatorin in der Flüchtlingsarbeit geschaffen. Sie steht den freiwilligen Helfern als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Um die 30 Willicher haben Patenschaften für Flüchtlinge übernommen. Etwa 25 in der Woche machen Einzelangebote. „Und es wird kontinuierlich mehr“, so Hofmeister. Wöchentlich melden sich zwei bis drei neue Helfer. „Ohne die Ehrenamtler ging es nicht“ , so Kamp. Zum Glück habe es in Willich – etwa durch den Arbeitskreis Fremde – gewachsene Strukturen gegeben, auf die man aufbauen konnte. Ehrenamtler übersetzen, helfen bei Behördengängen und Arztbesuchen, streichen an, begleiten Fahrradtouren, bieten Bastelkurse – oder werden Taufpaten: 16 Babys von geflüchteten Frauen sind in den vergangenen zwölf Monaten in Willich zur Welt gekommen.

Wie eng die Verbundenheit zwischen Helfern und Flüchtlingen ist, zeigt sich an einer anderen Zahl: 80 Prozent der Ehrenamtler zogen mit um, als die Niershalle ab Mai geräumt werden konnte, da die Stadt mittlerweile an der Moltkestraße eine bessere Unterkunft eingerichtet hatte.

„Sammelunterkünfte in Turnhallen wollten wir schnell wieder vom Tisch haben“, betont der Erste Beigeordnete Willy Kerbusch. Das Flüchtlingsdorf in Willich bietet Platz für bis zu 280 Menschen, die auf kleine Wohneinheiten aufgeteilt werden. Aus den Erfahrungen in Neersen wurde gelernt: Auch hier gibt es Trupps, die Müll entsorgen, putzen oder Grünflächen pflegen. Beschwerden aus dem Umfeld gebe es kaum, so Härtel. Im Dorf haben Regine Hofmeister und der Sozialarbeiter Lukas Klehr ihren Arbeitsplatz.

Schon 150 Flüchtlinge haben Willicher wieder verlassen

Die Gesamtzahl der Flüchtlinge ist mittlerweile deutlich gesunken. Denn 150 der damals eingetroffenen 250 Menschen haben Willich schon wieder verlassen. „100 wurden anerkannt und leben jetzt in anderen Städten, 50 sind freiwillig zurück in ihre Heimat auf dem Balkan gegangen“, berichtet Marco Härtel.

Doch es stehen neue Aufgaben an. Die Flüchtlinge, die in Willich eine Bleibeperspektive haben, sollen möglichst bald in dauerhafte Wohneinheiten ziehen können, sagt Willy Kerbusch. 45 davon seien deshalb neu auf den Weg gebracht worden. Gebaut wird unter anderem im Bereich Niersweg/Mutschenweg in Neersen. Die Nachbarn hatten sich dagegen gewehrt. Auf solche Bedenken ist die Stadt mit „runden Tischen“ eingegangen, an denen über die Pläne informiert wird. „Das wird auch weitergeführt“, versichert Kerbusch.

Laut Susanne Kamp werden die künftigen Bewohner solcher Unterkünfte nicht wahllos zugeteilt. So werde man zum Beispiel Familien mit Kindern, die schon jetzt Neersener Tageseinrichtungen besuchen, gezielt am Niersweg ansiedeln. Auch für eine Betreuung der Bewohner werde gesorgt.

Probleme versachlichen, Ängste minimieren, den sozilen Frieden erhalten, Menschen integrieren – diese Ziele haben die Mitarbeiter der Stadt Willich in den vergangenen zwölf Monaten verfolgt. „Flüchtlinge sind für unsere Arbeit dabei eine Zielgruppe wie viele andere auch“, betont Susanne Kamp. Man habe einen gesellschaftlichen und politischen Auftrag, den man erfülle. Eine „Flüchtlingsproblematik“ kann sie deshalb auch nicht erkennen: „Davon redet in einigen Jahren niemand mehr.“

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