Die Glocken von St. Johannes erklingen am Freitag zur Heiligen Nacht. Eine stumme „Kollegin“ kennt ihre Geschichte.

interview
Seit 1987 gibt es das heutige Geläut von St. Johannes.

Seit 1987 gibt es das heutige Geläut von St. Johannes.

Die Stahlglocke vor der Josefshalle hing bis 1987 im Kirchturm von St. Johannes.

Kurt Lübke, Bild 1 von 2

Seit 1987 gibt es das heutige Geläut von St. Johannes.

Anrath. Wie sie da so stumm herum steht, kann sie einem schon fast leid tun: Schneebedeckt ist die einsame Glocke vor der Josefshalle. Ihr Fuß ruht auf einem mächtigen Betonsockel, ihre Seitenwände sind mit roter Farbe beschmiert. Während sich ihre Kolleginnen hoch oben im Kirchturm von St. Johannes Freitag auf das festliche Geläut in der Heiligen Nacht einstimmen, gibt sie selbst schon lange keinen Ton mehr von sich. Die WZ wollte von der Glocke erfahren, warum ihre Zeit als weit tönendes Musikinstrument abgelaufen ist.

Westdeutsche Zeitung: Sagen Sie, gnädige Frau, was hat Sie denn in diese missliche Lage gebracht?

Glocke: Gut, dass mal jemand fragt, denn das Ganze ist ein Skandal! Rausgeworfen hat man mich und meine beiden Schwestern, einfach rausgeworfen aus dem Kirchturm. Dabei hatten wir dort von 1948 bis 1987 treu und brav unseren Dienst versehen. Und nie gab es einen Grund zur Klage.

WZ: Da habe ich anderes gehört. So soll es in den 60er Jahren Gutachten von Glockensachverständigen gegeben haben. Darin stand etwas von grotesken Überschneidungen, von misslungener Komposition – und schlimmer noch: Durch eine unsachgemäße Aufhängung war beim Läuten die Statik des Turm gefährdet.

Glocke: Jaja, weiß ich doch alles. Aber unsere Schuld war das nicht. Der Pfarrgemeinderat von St. Johannes hatte sich eben in den Kopf gesetzt, zum 50-jährigen Bestehen der Kirche im Oktober 1948 neue Glocken anzuschaffen. Sie wissen ja sicher, das alte Geläut war bis auf zwei kleine Glocken im Kriegsjahr 1942 eingeschmolzen worden. Schlimme Zeiten damals. So wurde also beschlossen, drei neue Glocken gießen zu lassen. Und da Bronze zu teuer war, wurden ich und meine Schwestern in Bochum aus schlichtem Stahl gefertigt.

WZ: Was wohl daneben ging?

Glocke: So kann man das nicht sagen! Es war doch nicht unsere Schuld, dass wir für den Turm zu groß waren. So wiege ich allein ja schon stattliche 3847 Kilogramm, das sind immerhin 655 Kilo mehr als meine Nachfolgerin als Dreifaltigkeitsglocke heute auf die Waage bringt. Und meine beiden kleineren Kolleginnen waren ebenfalls keine Leichtgewichte. Auch für die falsche Aufhängung konnten wir nichts. Hätte man uns damals schon so einen schönen neuen Glockenstuhl aus Eiche spendiert, wie er dann 1987 gebaut wurde, hingen wir vielleicht heute noch oben.

„120 000 Mark hat der Guss gekostet.“

WZ: 1987 wurde ja auch das neue Geläut angeschafft.

Glocke: Jaja, und alles aus Bronze. 120 000 Mark hat der Guss von fünf Glocken gekostet. Eine Menge Geld, zumal die Gemeinde alles durch Spenden finanzieren musste. Für mich und meine Kolleginnen hatten die nach dem Krieg nicht so viel übrig.

WZ: Aber Sie müssen zugeben: Das heutige Geläut ist schöner.

Glocke: Naja, klingt nicht schlecht. Wenn gleich sieben Kolleginnen aus Bronze ihren Dienst tun, ist eben für Abwechslung gesorgt. Tatsächlich ist es zusammen mit St. Remigius in Viersen das einzige siebenstimmige Geläut im Kreis. Im ganzen Bistum soll es klanglich einmalig sein. Habe ich jedenfalls von Ulrich Bons (Foto) vom Kirchenvorstand gehört. Der hat auch berichtet, dass nach einem anderen Gutachten das heutige Geläut sehr singfreudig sei. Was an Weihnachten ja besonders wichtig ist, um Gott zu loben und die Menschen in die Kirche zu rufen.

„Sie haben von Glocken offenbar keine Ahnung.“

WZ: Sie sprechen von sieben Glocken, obwohl 1987 nur fünf neue gekauft wurden. Zwei der Kolleginnen da oben kennen Sie also noch persönlich?

Glocke: Stimmt, mit denen habe ich auch schon gearbeitet. Denn da hängt ja noch die Marienglocke von 1898. Die ist auch Angelusglocke, läutet also um 7, 12 und 19 Uhr. Und außerdem ist sie noch für den Viertelstundenschlag zuständig. Eine fleißige Kollegin. Und auch die kleine Glocke von 1628 ist noch da. Mit 145 Kilo eher ein Leichtgewicht. Hat aber schon viel gesehen, Kriege und Turmbrände überstanden. Früher wurde sie als Signal- und Totenglocke verwendet. Aus dem gleichen Jahr wie sie stammt übrigens das 45 Kilo schwere Dachreiter-Glöckchen. Das wurde lange als Glocke des Altenheims genutzt und hängt erst seit 1998 wieder am ursprünglichen Platz.

WZ: Läutet das Glöckchen auch mit den sieben anderen?

Glocke: Das klänge ja fürchterlich! Sie haben von Glocken offenbar keine Ahnung. Es läutet zum Evangelium und während des Hochgebets.

WZ: Sie kennen sich dagegen gut aus. Wissen Sie denn, was aus Ihren Stahl-Kolleginnen geworden ist?

Glocke: Darüber möchte ich nicht reden. Die sind nämlich eingeschmolzen worden. Einfach so.

WZ: Und wieso stehen Sie noch hier?

Glocke: Die Katholische Arbeiterbewegung soll sich für mich eingesetzt haben. Immerhin bin ich ein stattliches Exemplar und mache auch optisch was her. Und so stehe ich heute vor der Josefshalle.

WZ: Ich sehe gerade, dass Sie eine Inschrift tragen.

Glocke: Deo Gloria, Pax Hominibus. Übersetzt heißt das: Ehre sei Gott, Frieden den Menschen. Da sollten Sie gerade an Weihnachten mal drüber nachdenken.

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