Das Moers Festival bot auch in seiner 39. Auflage viele Überraschungen. Doch trotz Besucherrekordes soll abgespeckt werden.

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Furios wie eh und je: Der Saxofonist Peter Brötzmann bot mit seinem Chicago Tentet ein wunderbares Free Jazz-Gewitter der Rhythmen und Töne.

Furios wie eh und je: Der Saxofonist Peter Brötzmann bot mit seinem Chicago Tentet ein wunderbares Free Jazz-Gewitter der Rhythmen und Töne.

Gerd Klein

Furios wie eh und je: Der Saxofonist Peter Brötzmann bot mit seinem Chicago Tentet ein wunderbares Free Jazz-Gewitter der Rhythmen und Töne.

Moers. So viele Besucher gab es noch nie - sagt Reiner Michalke. "13 500 Besucher an allen Spielstätten", so der künstlerische Leiter des Moers Festivals am Montag bei der abschließenden Pressekonferenz.

Die 39. Auflage der 1972 als Jazz-Festival gestarteten Veranstaltung fand seit Freitagabend im Freizeitpark statt und bot wieder eine musikalische Wundertüte. Wie immer hatten die Zuhörer auf akustische Überraschungen gehofft - und wurden nicht enttäuscht. Aber auch Bewährtes und Bekanntes gehörte dazu.

"Das ist ein Kompromiss, mit dem ich leben kann."

Reiner Michalke, künstlerischer Leiter des Moers Festivals

So mancher Mensch macht sich mit 39 Jahren Gedanken über seine Zukunft, hofft auf ruhigere Fahrwasser. Das Moers Festival mit 39 Jahren Geschichte hingegen schaut nur auf das nächste Jahr. Und hofft, dass es in Zeiten der Krisen auch in Zukunft eine Existenzberechtigung hat. Vielleicht vorübergehend ja auch mit einer leicht verkleinerten Basis.

Sprich: Eventuell wird die Vier-Tage-Veranstaltung um den Montag gekürzt. Doch die politische Entscheidung steht noch aus. Sie soll am 30. Juni im Moerser Stadtrat fallen. "Das ist ein Kompromiss, mit dem ich leben kann, so lange der inhaltliche Kern nicht beschädigt wird", sagt Michalke.

Es gab viel Positives zu hören im Sechs-Mast-Zelt. Zum Beispiel das Quartett "Schneeweiss und Rosenrot" aus Berlin. Zu kraftvoller Musik von Piano, Schlagzeug und Bass gab es den mitunter etwas spröde klingenden Gesang von Lucia Cadotsch. Da tauchten Erinnerungen an Björk auf. Apropos eindringlicher Gesang: Siya Makuzeni setzte die Akzente bei Carlo Mombelli & The Prisoners of Strange - Mainstream-verdächtiger Jazz aus Südafrika ohne Ethno-Anleihen.

Wenn das Moers Festival im nächsten Jahr um einen Tag verkürzt stattfindet - der Pfingstmontag soll geopfert werden, um notwendige Einsparpotenziale zu erreichen - ändert sich aller Voraussicht nach auch etwas für die Camper: Sie sollen für die Müllentsorgung und für die Instandsetzung der Rasenflächen zahlen. Festivalkartenbesitzer sind von dieser neuen Regel ausgenommen. Die Meinungen zu dieser Idee gehen auseinander.

"Zehn Euro pro Zelt und Wochenende sind vollkommen in Ordnung", findet eine Männerrunde, die aus Goch und aus den Niederlanden nach Moers angereist ist. Wie vielen hier kommt es ihnen auf das gemeinsame Erlebnis, nicht auf die Musik an. "Ein paar Euro tun uns nicht weh - immerhin bezahlen wir ja schon für Essen, Getränke und Sprit. Von den nächtlichen, teuren Ausflügen zur Tankstelle ganz zu schweigen", meinen die jungen Männer.

"Fürs Zelten bezahlen? - Niemals!" Diese Meinung vertritt eine Gruppe Punks am Rande des Festivalgeländes. "Wir versorgen uns selber, denn an den Buden hier ist alles viel zu teuer", sagt der 20-jährige Felix. Auch wenn die Rheinländer keinen Jazz hören, schätzen sie an Moers die Atmosphäre: "Ist immer geil hier. Du triffst Leute, die Du nur einmal im Jahr siehst. Wäre schade, wenn durch die neue Regelung weniger Camper kämen", sind sich die Irokesenträger einig.

Für den Mainzer Werner Müller(34) gehören Pfingsten und Moers einfach zusammen. Und da er seit vielen Jahren nicht nur in Hörweite des Festivalzeltes campiert, sondern auch ein Ticket besitzt, stört ihn der Vorschlag gar nicht: "Davon wäre ich ja nicht betroffen. Ist noch immer billiger, als im Hotel zu übernachten. Und Du bekommst jede Menge mit." Den Ansatz zum Sparen begrüßt er, etwas Skepsis jedoch bleibt: "Hoffentlich wirkt sich das nicht auf das Programm aus!"

Große Erwartungen waren mit dem Namen Bill Frisell verbunden, einem der führenden Jazz-Gitarristen. Dabei zeigte der US-Amerikaner durchaus unterschiedliche Qualitäten. Beim musikalischen Treffen mit dem Geiger Eyvind Kang und dem Schlagzeuger Rudy Royston ging es kräftig zur Sache, spielten sich die beiden Saiten-Spezialisten Bälle und Töne zu.

Entsprechend begeistert zeigte sich das Publikum. Verhaltener war die Reaktion 24 Stunden später beim Duo mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen. Allzu verhalten gingen die beiden miteinander um. Erst beim letzten Stück, einer wunderbar getragenen Version von Joni Mitchells "Both sides now", war alles wieder gut.

Wer in Erinnerungen schwelgen mochte, der wurde mit Free Jazz von Peter Brötzmann und seinem Chicago Tentet, Rock-Jazz der Bergen Big Band und Terje Rypdal sowie den tiefsinnigen, aber kopflastigen Kompositionen des Grubenklang-Orchesters bedient. Vor allem der Wuppertaler Saxofonist Brötzmann war furios wie eh und je. Aber es war nicht pure Kraftmeierei des 69-Jährigen, sondern ein wunderbares Gewitter der Rhythmen und Töne.

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