Interview: Professor Andreas Bolte über das Vorhaben des Kreises, mit einigen tausend Bäumen einen neuen Wald in Brüggen entstehen zu lassen.

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Auch Stieleichen sollen in Brüggen gepflanzt werden.

Auch Stieleichen sollen in Brüggen gepflanzt werden.

Archiv/vti

Auch Stieleichen sollen in Brüggen gepflanzt werden.

Kreis Viersen/Eberswalde. Auf Antrag von CDU und FDP im Viersener Kreistag wird ab Herbst im Brüggener Landschaftsschutzgebiet "Genroher Graben" ein neuer Wald entstehen (die WZ berichtete). Geplant ist die Pflanzung von mehreren tausend Eichen, Hainbuchen und Sträuchern auf rund 12 500 Quadratmetern.

Anlass für die Aktion war ein Antrag der Grünen, den Öko-Stromanteil beim Kreisverbrauch von 20 auf 100 Prozent zu erhöhen. CDU und FDP lehnten dies ab und machten stattdessen den Vorschlag, die so eingesparten Strom-Mehrkosten in den Wald zu investieren. Wir sprachen darüber mit Professor Andreas Bolte, Leiter des Instituts für Waldökologie in Eberswalde bei der Bundesforschungseinrichtung Johann-Heinrich- von Thünen-Institut.

Herr Professor Bolte, fangen wir ganz grundsätzlich an: "Bäume pflanzen für den Klimaschutz" - macht das überhaupt Sinn?

Andreas Bolte: Ja, auf jeden Fall. Die Bäume binden in in ihrer Wachstumsphase das Kohlendioxid aus der Atmosphäre, das ja bekanntlich zum Treibhauseffekt beiträgt.

In welchem Maße wird das Gas gebunden?

12 600 Auf so vielen Quadratmetern soll der kleine Kreis-Wald in Brüggen entstehen.

5000 So viele Stieleichen und Hainbuchen sind geplant, außerdem 1500 heimische Straucharten wie Haselnuss und Weißdorn.

30 000 Dieser Betrag soll in den nächsten drei Jahren investiert werden. Mit den Pflanzungen wird im Herbst begonnen.

Bolte: Dafür ist es zunächst wichtig zu wissen, dass von den mehreren tausend Bäumen, die nun auf der Fläche im Kreis Viersen geplant sind, letztendlich nur ein paar hundert stehenbleiben werden. Bäume brauchen nun einmal zunehmend Platz zum Wachsen. Wenn wir mal von 250 Eichen im Endbestand ausgehen, wären das etwas über 6000 Kilogramm Kohlendioxid pro Jahr - aber wir sprechen hier von einer durchschnittlichen Bindung im Zeitraum von 180 Jahren. Klimaschutz mit Bäumen ist eine sehr langfristige Sache. Schon allein deswegen, sollte das gespeicherte Gas auch so lange wie möglich im Holz konserviert werden, nach der Ernte zum Beispiel in Möbeln und Bauwerken.

Politik denkt aber bekanntlich in wesentlich kürzeren Zeitabständen. Können Sie etwas über die Jahre davor sagen?

Bolte: Der höchste Holzzuwachs des gesamten Eichenbestandes wäre wohl erst nach 30 bis 60 Jahren erreicht. Das bedeutet, dass dann das meiste Gas gebunden wird.

Haben Sie eine Beispielrechnung für einen einzelnen Baum?

Bolte: Nehmen wir die Stieleiche und einen VW Golf TDI: In rund hundert Jahren bindet der Baum etwa 24,5 Kilogramm Kohlendioxid jährlich - das stößt der Golf auf 180 Kilometern aus. Bei Ihrem Wald könnte die Kreisverwaltung etwa 45 000 Kilometer pro Jahr in den nächsten 180 Jahren fahren. Der Ausstoß würde dann neutralisiert.

Was sagen Sie denn dazu, neue Bäume anstelle von Öko-Strom zu fordern?

Bolte: Ich finde das nicht so sinnvoll, denn man könnte beides machen. Eine Konkurrenz beider Maßnahmen sehe ich nicht: Bei Öko-Strom geht es um die Vermeidung von Kohlendioxid-Freisetzung durch die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien. Und bei den Baumpflanzungen geht es darum, das Kohlendioxid, das schon in die Atmosphäre gelangt ist, wieder herauszuholen. Ich denke, wir benötigen beides, um eine gefährliche Klimaerwärmung zu vermeiden.

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