Tanz im Altenheim: Ein neues Projekt befördert das intakte Bewegungsgedächtnis von Demenzkranken ans Tageslicht.

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Beim Tanz können auch Demenzkranke viel Freude entwickeln.

Beim Tanz können auch Demenzkranke viel Freude entwickeln.

Angelika Warmuth

Beim Tanz können auch Demenzkranke viel Freude entwickeln.

Viersen. Schon kurz nachdem Renate Wiemes mit dem Tango Argentino begonnen hatte, war ihr klar: „Das lässt sich sehr gut in der Betreuung von Demenzerkrankten einsetzen.“ Eine ungewöhnliche Idee, denn das Bild vom spannungsgeladenen Tanz elastischer junger Menschen passt so gar nicht zu dem, das man von orientierungslosen, verwirrten Demenzkranken hat.

Die examinierte Krankenschwester und Trainerin für Palliative Medizin und Pflege wusste von der Not, die Partner haben, wenn einer von ihnen nicht mehr Herr seines Verstandes ist. „Der Gesunde muss die Funktionen beider erfüllen, der Kranke wird auf seine Defizite reduziert. Das Paar als solches, in dem einer Halt am anderen findet, ist zerbrochen. Ein großer Schmerz, zusätzlich zu den Belastungen der Krankheit“, sagt sie.

Beim Tango Argentino werden die Schrittfolgen improvisiert

Sie selbst ist vom Tango Argentino als einem Tanz fasziniert, in dem es keine festen Schrittfolgen gibt, die man sich merken muss. „Die Schrittfolgen werden improvisiert, das schult die Aufmerksamkeit der Partner füreinander, daher rührt die Spannung.“ Das vermitteln und beobachten sie und ihr Partner Michael Wittich immer wieder im Unterricht, den sie im Tangoluna, ihrem Tangosalon in Viersen, anbieten.

Dass dies auch Menschen mit Demenz möglich ist, davon konnte Wiemes zunächst ihren Kollegen Dirk Bahnen überzeugen, Fachberater für Demenz des Alexianer Krankenhauses Krefeld. „Denn das Körper- und das Bewegungsgedächtnis funktioniert noch“, sagt sie. Mit ihm erarbeitete sie ein „Tango-Demenz-Konzept“, und er fand unter seinen Klienten das Ehepaar Schwaiger, das sich für einen ersten Test zur Verfügung stellte und Tango tanzen lernte.

„Sie können plötzlich wieder stabil stehen und sogar rückwärts gehen.“
Renate Wiemes, Tangolehrerin

„Beim Tanzen fühlte ich mich, als wenn man vom Dunkeln ins Licht geht“, sagte der an Demenz erkrankte Luitpold Schwaiger bei einem Interview vor seinem Tod im Jahr 2011. Seine Frau spürte damals seine Fröhlichkeit und merkte, dass ihr Mann beim Tango durchaus in der Lage war, sie zu führen, dass sie mal nicht auf ihn aufpassen musste.

Demenz Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und meint etwa „abnehmender Verstand“. Von der Erkrankung des Gehirns sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik betroffen. Die am häufigsten auftretende Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit.

 

Tango Der ursprüngliche Tango kommt aus Argentinien. Er entstand vor allem in den Einwanderervierteln von Buenos Aires. Etwa ab 1880 wurde er dort zum Volkstanz. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kam der Tango nach Europa, erlebte in den 20er-Jahren seine Blütezeit.

Und sie spürte sogar eine positive Veränderung: „Du bist sensibler geworden, durch deine Situation“, sagte sie ihm in dem Interview. Beide wollten gern weiter Tango tanzen, es stellte für sie in der belastenden Situation den berühmten Strohhalm dar.

Seniorenbetreuer arbeiten mit einer Tanztherapeutin zusammen

Inzwischen geben Wiemes und Wittich auch einen Tangokurs im evangelischen Altenheim Bodelschwinghwerk in Viersen-Dülken. Dort tanzen kaum Paare, viele Frauen tanzen mit Frauen. Und es gibt erstaunliche Effekte: „Sie können plötzlich wieder stabil stehen und sogar rückwärts gehen“, freut sich Wiemes, die in der Lage ist, die besonderen Belange der Senioren im Unterricht zu berücksichtigen.

Weiterhin finden bereits im Tangoluna Viersen Fortbildungen für Tangolehrer und Seniorenbetreuer in Zusammenarbeit mit einer Tanztherapeutin statt. Wiemes und Bahnen halten zum Thema Vorträge in ganz Deutschland. Damit Demenzkranke den Weg zum Tango finden.

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