Pfarrer Ludwig Kamm ist aus Burundi zurück. Er berichtet von Schicksalen, die ihn bewegt haben.

Die Schwestern im Zachäus-Haus kümmern sich um behinderte Jugendliche.
Die Schwestern im Zachäus-Haus kümmern sich um behinderte Jugendliche.

Die Schwestern im Zachäus-Haus kümmern sich um behinderte Jugendliche.

Der Bürgerkrieg in Burundi hat Evarist (27) nicht nur körperlich gezeichnet (l.) Das gilt auch für den jungen Ehemann im Rollstuhl, der eine finanzielle Starthilfe braiucht (r.)

Die Schwestern im Zachäus-Haus kümmern sich um behinderte Jugendliche.

Kamm, Bild 1 von 3

Die Schwestern im Zachäus-Haus kümmern sich um behinderte Jugendliche.

Vorst/Gitega. Pfarrer Ludwig Kamm ist von seiner Reise nach Burduni ins heimatliche Vorst zurückgekehrt. Viel Zeit, von seinen Eindrücken zu berichten, hatte er zunächst aber nicht: „Ich muss dringend den neuen Pfarrbrief fertig machen“, erfuhr die WZ am Dienstag bei einem kurzen Gespräch.

„In der Rückschau sind es vor allem Einzelschicksale, die mich bewegen“, so der Pfarrer. Im Blick hat er dabei zum Beispiel Claude, ein ehemaliger Bewohner, der zu Besuch ins Zachäus-Haus kam. „Ich wusste von mehreren Claudes, die einmal im Zentrum gewesen waren. Bei der Begegnung war dann wieder alles klar: Ja, ich erinnerte mich an ihn“, berichtet Kamm.

100 Euro reichen schon als Anschubfinanzierung

Claude ist ungefähr 20 Jahre alt. Vor eineinhalb Jahren hatte er die Schneider-Ausbildung im Haus erfolgreich und in Mindestzeit sehr gut absolviert. Danach war ihm noch eine sechsmonatige Weiterbildung in Bujumbura ermöglicht worden. Claude hat eine mittelschwere rechtsseitige Halbseitenlähmung und war durch den Bürgerkrieg zum Vollwaisen geworden. Er lebt jetzt ohne Familie mit seiner Nähmaschine bei einem Bekannten in einem Viertel in Gitega – mit häufigem Kontakt zu den Schwestern.

Da die „Geschäfte“ mit der Nähmaschine nur sehr schleppend laufen, würde er sehr gerne einen kleinen Verkaufsshop eröffnen, neben der Arbeit als Schneider. Jetzt war er gekommen, um nach einer finanziellen Hilfe dafür zu fragen.

Etwas Geld wäre nötig für Nähmaterial, dann aber vor allem für die Erstausstattung des Shops, in dem Claude Bohnen, Zucker, Reis, Salz, Maniok etc. verkaufen möchte. „Im Gespräch machte ich den Vorschlag, dass das Zachäus-Haus für ihn auch als Großhändler auftreten könnte, um den Einkauf zu verbilligen. Diese Idee fand die Zustimmung von Schwester Josephine“, berichtet Kamm.

Nach zweieinhalb Jahren Pause hat Pfarrer Ludwig Kamm jetzt wieder Burundi einen Besuch abgestattet. Ende der 80er Jahre reiste er erstmals in das ostafrikanische Land. Er engagiert sich besonders für das von Ordensschwestern geleitete Zachäus-Haus in Gitega. Dort wird behinderten Jugendlichen eine Berufsausbildung oder der Besuch einer Schule ermöglicht. 

Der Binnenstaat Burundi ist 27 834 Quadratkilometer groß, auf denen 10,5 Millionen Menschen leben. Sie ernähren sich in der Hauptsache von Landwirtschaft. Laut Welthunger-Index ist Burundi das ärmste Land der Welt. Folter, willkürliche Verhaftungen und schwere Misshandlungen sind dort an der Tagesordnung. Von Reisen nach Burundi rät das Auswärtige Amt mit Hinweis auf die Gefahr von Terroranschlägen dringend ab.

 

Die Verhandlungen mit dem „Privatkundenbetreuer seiner Hausbank“ über eine Anschubfinanzierung hatten folgendes Ergebnis: Claude bekommt aus Kamms „Zachäushaus-Topf“ eine Starthilfe von 100 Euro – viel Geld in Burundi. Der größte Anteil wird zunächst bei den Schwestern deponiert und schrittweise abgeholt. Die Freude bei Claude war groß: Zum Abschied nannte er Kamm „Vater“. Schwester Josephine erzählte später, Claude habe lange vor Freude geweint. „Womit habe ich verdient, dass Gott so gut zu mir ist?“, sei seine immer wiederkehrende Frage gewesen.

Bewegt hat den Priester aus Deutschland auch ein junges Paar, das im August geheiratet hatte. Beide hatten sich im Zachäus-Haus kennen und lieben gelernt und überreichten Pfarrer Kamm jetzt ein Geschenk. Der junge Ehemann sitzt im Rollstuhl. Er braucht eine Erhöhung der Toilette, um diese selbstständig benutzen zu können. Zudem möchte er von Zuhause aus einen kleinen Handel betreiben, wozu er eine finanzielle Starthilfe erbat. Mit Schwester Josephine, die auch als Übersetzerin diente, war sich Pfarrer Kamm schnell einig: Es wird sich gekümmert.

Auch Evarist und Richard gehen ihm nicht aus dem Kopf

Der Vorster musste auf der Rückreise aber auch immer wieder an Evarist (27) denken. Als Vierjähriger war er aus einem brennenden Haus gerettet worden – schwer verletzt mit vielen Verbrennungsnarben. Bis heute hat er große gesundheitliche Probleme und seelische Not, da er den Krieg ohne Familie überlebt hatte.

„Auch Richard ging mir nicht aus dem Kopf, den Trommler und Tänzer auf seinen Beinstümpfen“, so Kamm. Eine schlimme Druckstelle an einem Stumpf quält ihn – auch die Angst vor einer möglichen Nachamputation, wie dies wohl schon einmal ein Arzt angedeutet hatte. Zum Abschied gab es eine lange Umarmung.

Mit Dr. Sebastian Boekels, der sich viele der Bewohner mit seinen medizinischen Augen angesehen hat, wird Ludwig Kamm in den nächsten Wochen überlegen, für wen eine eventuelle Behandlung in Deutschland sinnvoll wäre. Er berichtete davon, dass viele Jugendliche eine Osteomyelitis hätten, eine infektiöse Entzündung des Knochenmarks, die er in Deutschland noch nie gesehen hatte.

„Diese Reise hat mir die Sinnhaftigkeit der Unterstützung des Zachäus-Hauses, seiner Bewohner und der Schwestern, wieder intensiv vor Augen geführt“, so Kamm. Er hoffe zuversichtlich, dass das Haus – auch mit Hilfe aus Deutschland – weiterhin einen guten Weg gehen kann, damit die jungen Leute mit Behinderung voller Zuversicht in die Zukunft schauen können.

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