„Die Welt bei uns zu Hause“ heißt ein Projekt, das Menschen vorstellt, die in St. Tönis heimisch geworden sind.

Kurt Fruhen fotografiert die Eheleute Abo-Khatir für das Projekt „Die Welt bei uns zu Hause“ unter dem Feigenbaum.
Kurt Fruhen fotografiert die Eheleute Abo-Khatir für das Projekt „Die Welt bei uns zu Hause“ unter dem Feigenbaum.

Kurt Fruhen fotografiert die Eheleute Abo-Khatir für das Projekt „Die Welt bei uns zu Hause“ unter dem Feigenbaum.

Kurt Lübke

Kurt Fruhen fotografiert die Eheleute Abo-Khatir für das Projekt „Die Welt bei uns zu Hause“ unter dem Feigenbaum.

St. Tönis. Immer noch sind viele Menschen irritiert, wenn Flüchtlinge in die Kommunen kommen. Einige wollen mit den „Fremden“ partout nichts zu tun haben. Dabei gibt es viele Einheimische, die früher selbst – aus den verschiedensten Gründen – nach Deutschland gekommen sind. Und hier, speziell in St. Tönis, eine zweite Heimat gefunden haben und wie selbstverständlich dazu gehören, Läden betreiben oder im Vereinsleben aktiv sind.

Zwei St. Töniser, Barbara Lind und Kurt W. Fruhen, arbeiten derzeit gemeinsam an einem interessanten Projekt, das „Die Welt bei uns zu Hause“ heißt. Es sollen ausländische Mitbürger vorgestellt werden, die hier über Jahrzehnte weg trotz anderer Wurzeln bodenständig geworden sind. „Auch die neuen Flüchtlinge können dies schaffen“, wünscht sich Kurt W. Fruhen.

Der 68-jährige Ruheständler, ein gelernter Kfz-Mechaniker, hatte im vergangenen Jahr die Idee dazu, „die Lebensgeschichten von Menschen einmal vorzustellen, die früher anderswo auf unserer Welt gelebt haben und dann zu uns gekommen und hier sesshaft geworden sind“. Schnell fand er mit Barbara Lind (68), ehemalige Leiterin der Röntgenabteilung des St. Töniser Krankenhauses, eine Mitstreiterin.

„Klar, ich vermisse meine Heimat – aber ich fühle mich dennoch als St. Töniserin.“

Aalia Abo-Khatir, die aus Palästina stammt

Beide bereiten gerade eine entsprechende Ausstellung vor, die wahrscheinlich im Mai des nächsten Jahres in den beiden Geschäftsstellen der Volksbank in St. Tönis und Vorst zu sehen sein wird. Barbara Lind kümmert sich um die Texte, Kurt W. Fruhen um die Fotos. Beide hatten zuletzt einige Jahre schon im „Alter-nativen Seniorenbüro“ gearbeitet und die regelmäßig erscheinende Zeitschrift „Älter werden in Tönisvorst“ mit herausgegeben. Fruhen gehört außerdem seit 2006 zu den Mitgründern des „Fotokreises“.

„So etwa zehn Kurz-Biographien haben wir schon zusammen, so von Menschen, die unter anderem aus Sibirien, den Niederlanden, aus Italien und Palästina stammen“, sagt Barbara Lind. Darunter sind Frauen und Männer, die viele in der Apfelstadt kennen, wie den Indonesier Hadi Handoko mit seiner Ehefrau Martina Stamatia, die aus Griechenland kommt. Beide betreiben am sogenannten „Roten Platz“ in St. Tönis seit nahezu 34 Jahren eine kultige Imbissbude. Hadi ist als „Robby“ noch besser bekannt.

Und da gibt es das „La Dolce Vita“, in dem Gianni Trentin seine italienische Feinkost verkauft. Gianni, 1960 geboren, war als 19-Jähriger alleine nach Deutschland gekommen, wollte dort nicht unbedingt zum Wehrdienst, fing mit dem Job in einer Eisdiele an, bildete sich als Hotelfachangestellter fort und wagte dann den Sprung in die Selbstständigkeit.

Vorgestellt wird ferner Ralph Gross, der vor 70 Jahren in Hamburg geboren wurde. Die Familie wanderte dann nach Australien aus. Nach dem Tod der Mutter kehrte Ralph Gross mit seinem Sohn zu Verwandten in Deutschland zurück, wohnt seit etwa 40 Jahren in St. Tönis.

Die deutsche Sprache hat sie sich selbst beigebracht

Aus Palästina kamen die Eheleute Tawfik und Aalia Abo-Khatir nach Deutschland. Sie waren schon Nachbarn, als sie in einem Dorf des dann von den Israelis besetzten Gazastreifens wohnten. Deutschland musste es dann unbedingt sein. Der 74-Jährige wollte hier studieren, erst Medizin, dann das Ingenieurwesen. Medizin gab er auf, als er zwischendurch aus Angst um seine Tochter in die alte Heimat reiste. 1969 war er wieder zurück.

Der Textil-Ingenieur fand eine Anstellung als Färber, arbeitete wie seine Frau viele Jahrzehnte bis zur Rente in einem Spezialunternehmen in Schaag. Zufällig nahmen sie damals ein Wohnungsangebot in St. Tönis an und blieben dort. „Hier sind wir in Freiheit, können auch mal auf dem Wochenmarkt über die Politik reden und meckern, ohne festgenommen zu werden“, erzählt im perfekten Deutsch die Ehefrau, die sich die Sprache selbst beigebracht hatte.

In Erinnerung an seine Heimat hatte Tawfik Abo-Khatir vor zehn Jahren einen Feigenbaum im Garten des Wohnhauses gepflanzt. Mittlerweile werden jährlich jeweils 50 Kilogramm Feigen geerntet, gibt es die leckere Marmelade als Geschenk für Bekannte, Freunde und natürlich für die Familie. Dazu zählen drei Kinder und fünf Enkel, die alle in Deutschland leben. Deutsche Pässe haben die Eheleute Abo-Khatir seit langem. „Klar, ich vermisse meine Heimat – aber ich fühle mich dennoch als St. Töniserin“, sagt die 74-Jährige.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer