Paartherapeut Hubert Geurts gibt einen unterhaltsamen Einblick in die Welt der Liebenden.

Hubert Geurts arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut an der Engerstraße.
Hubert Geurts arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut an der Engerstraße.

Hubert Geurts arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut an der Engerstraße.

Hubert Geurts arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut an der Engerstraße.

Kurt Lübke, Bild 1 von 2

Hubert Geurts arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut an der Engerstraße.

Kempen. Man müsste glauben, dass die Liebe Hubert Geurts frustriert. Jeden Tag beschäftigt er sich mit Beziehungen, die zu scheitern drohen oder es vielleicht schon sind. Dennoch strahlt der Paartherapeut und Buchautor, der seit über 20 Jahren in seiner Praxis an der Engerstraße arbeitet, Optimismus und Fröhlichkeit aus. Im Gespräch mit der WZ gibt er einen unterhaltsamen Einblick in die häufig so verkrampfte Welt der Liebenden.

Wir sehnen uns alle nach der Liebe, die ewig hält. Gibt es die überhaupt?

Geurts: Statistisch sieht es schlecht aus. Die Scheidungsquote in Deutschland liegt bei ungefähr 50 Prozent. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Jeder kennt in seinem Umfeld Paare, die aus steuerlichen Gründen oder der Kinder wegen zusammen bleiben. Dennoch glaube ich, dass es die ewige Liebe geben kann. Jetzt kommt ein großes Aber: Die ersten Monate, manchmal auch Jahre, geht alles relativ gut, weil wir den Partner durch eine rosarote Brille sehen. Danach müssen wir uns um unsere Beziehung bemühen. Das macht den meisten Schwierigkeiten, weil ihnen nicht klar ist, dass etwas so Emotionales wie eine Partnerschaft auch Arbeit bedeutet. Zudem passiert es oft, dass sich bei Paaren im Laufe der Zeit die Interessen und Werte verschieben.

Was können die Knackpunkte in einer Beziehung sein?

Geurts: Der erste Knackpunkt ist schon der Moment, wenn Mann und Frau zusammenkommen. Das ist ein bisschen frech formuliert. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die gleichgeschlechtliche Liebe auch nicht leichter ist, weil auch da eine/einer die Rolle des Mannes annimmt und die/der andere die der Frau. Männer und Frauen ticken sehr unterschiedlich. Ein Beispiel: Für Frauen ist die Versöhnung nach einem Streit der richtige Moment für Sex. Bei vielen Männern hingegen soll der Sex zur Versöhnung führen. Ein anderer Punkt ist, wir Männer verstehen nicht, dass Frauen Symbole brauchen. Frauen haben so eine Art „Punkteliste“. Für jede Sache, die wir gut machen, kriegen wir einen Punkt. Das Dumme ist: Wenn wir einen teuren Ring schenken, bringt das genauso einen Punkt, wie einmal Müll raustragen. Frauen geht es zudem um die Kontinuität.

Sie sagen, dass viele Paare zu spät zu Ihnen kommen. Warum?

Geurts: Viele glauben, dass Probleme sich mit der Zeit rauswachsen. Das stimmt aber nicht. Außerdem gilt in puncto Beziehung nach wie vor das Dogma: „Bis dass der Tod uns scheidet!“ - auch bei Menschen, die nichts mit Religiosität zu tun haben. Das beinhaltet schon, dass man nicht über Trennung nachdenkt. Im sozialen Umfeld fehlt der Austausch über das Thema, wir haben meist keine Erfahrung und kein „Ritual“ für eine Trennung, sie findet eher hinter vorgehaltener Hand statt oder wird als Makel wahrgenommen. Andere wiederum haben Angst, dass die Beratung zeigen könnte, dass ihre Ehe am Ende ist.

Wo setzen Sie bei der Arbeit mit den Paaren an?

Geurts: Mir geht es zunächst darum, die Historie beider zu erfassen. Aktuelle Konflikte haben meistens etwas mit der Vergangenheit zu tun. Ich möchte des Weiteren sehen, was der Mensch für eine Persönlichkeit hat. Für die Paare ist es auch wichtig zu verstehen, dass die Männer- und Frauensprache eine ganz unterschiedliche ist. Diese Erkenntnisse wirken bei den Paaren stressmindernd. Da fangen sie an zu verstehen, dass Konflikte immer eine Ursache haben, und wir meistens auf Verhaltensmuster zurückgreifen, welches den Konflikt oft über Jahre stabilisiert haben, statt die vorhandenen Schwierigkeiten zu lösen. Mich berührt es immer wieder, wenn Paaren dieses unbewusste Verhaltensspiel bewusst wird und sie sehen, wie leicht und schön eine Lösung sein kann. Grundsätzlich ist aber wichtig zu sehen, dass Konflikte in einer Beziehung völlig normal und unvermeidbar sind. Man könnte sogar sagen, sie sind notwendig, ähnlich wie ein Krafttraining gut für unsere Muskeln ist: An der gemeinsamen Lösung wächst ein Paar. Es geht bei Konflikten eher darum, die daraus resultierenden Verletzungen zu vermeiden oder so gering wie möglich zu halten.

Gibt es Grundregeln, die jedes Paar für eine glückliche Beziehung befolgen sollte?

Geurts: Ein Paar sollte sich regelmäßig bewusste Zeit für sich nehmen - auch oder gerade wenn es Kinder hat. Damit meine ich aber nicht, gemeinsam vor dem Fernseher sitzen, sondern qualitative Zeit. Es gibt eine Forschung aus den USA, im Rahmen derer Paare, deren Kinder noch nicht in der Schule waren, analysiert wurden. Von denen hatten 66 Prozent keine Sexualität - nichts Ungewöhnliches. Dann fiel jedoch auf, dass nur ein Drittel aller teilnehmenden Paare regelmäßige Gespräche führte. Interessant war, dass genau dieses Drittel noch Sex miteinander hatte. Wichtig ist, dass wir uns auch in unserer Rolle als Eltern immer weiter für den Partner interessieren und ihn wertschätzen. Veränderte Lebenssituationen führen zu Problemen. Das System ändert sich. Der größte „Beziehungskiller“ ist das Kind. Das hört sich grausam an, ist aber leider die Realität.

Also spielt auch die Sexualität eine große Rolle für die Beziehung?

Geurts: Ich kenne kein Beispiel - außer es gibt medizinische Gründe, die das verhindern - bei dem eine Beziehung ohne funktionierende Sexualität auskommt. Man kann trotzdem mal ein halbes Jahr keinen Sex haben, weil es zum Beispiel Stress bei der Arbeit gibt. Beim Sex wird das notwendige Bindungshormon Oxytocin gebildet. Das entsteht übrigens auch, wenn Sie vom Teller Ihres Partners naschen. Deswegen sage ich: Freuen Sie sich, wenn der Partner das macht. Er arbeitet an Ihrer Beziehung.

Wird die Liebe in Zeiten von Flirtportalen im Netz beliebiger? Haben junge Paare nicht mehr den Anspruch die Beziehung trotz Krisen zu erhalten, weil es einfacher wird, jemand anderen zu finden?

Geurts: Den Eindruck habe ich gar nicht. Ich erlebe eher das Umgekehrte. Alle Forschungen und meine Erfahrung zeigen: Paarbeziehungen werden immer wichtiger. In unserer turbulenten Welt sehnen wir uns nach einem Ruhepol. Aber die Ansprüche an die Beziehung sind gestiegen. Viele Menschen suchen den perfekten Mann oder die perfekte Frau, übersehen aber eigene Macken. Das funktioniert nicht.

Auf wessen Initiative kommen die Menschen zu Ihnen?

Geurts: Vor 20 Jahren hätte ich gesagt: Frauen. Heute übernehmen ganz viele Männer die Initiative.

Durch ein verändertes Rollenbild?

Geurts: Ich möchte das nicht ausschließen. Aber ich glaube, dass die Problematik Männern eher bewusster geworden ist. Zum Beispiel dadurch, dass Paarprobleme mehr Raum in den Medien einnehmen.

Ist es immer Ihr Ziel, Paare durch Ihre Beratung wieder zusammen zu führen?

Geurts: Ich möchte, dass am Ende der Beratung beide glücklich sind – zusammen oder alleine. Wenn die Beziehung in einem bestimmten Stadium ist, ist das Zurückdrehen schwer oder gar unmöglich. Interessant ist, dass sich Unverheiratete mit dem Trennen genauso schwer tun wie verheiratete Paare. Es geht um das Emotionale und die Vertrautheit.

Was ist eigentlich an den „Schmetterlingen im Bauch“ dran?

Geurts: Schmetterlinge im Bauch kann jeder, der mal verliebt war, bestätigen. Und man kann das auch wissenschaftlich erklären: Wir produzieren Glücksdrogen, wenn wir verliebt sind. Deswegen gibt es auch sogenannte Erotiktypen. Das sind Menschen, die immer wieder das Glücksgefühl der Verliebtheit brauchen, also ständig in neue Beziehungen gehen.

Eine persönliche Frage: Sie beschäftigen sich bei Ihrer Arbeit rational mit der Liebe. Können Sie sich privat noch vollkommen unbefangen auf eine Beziehung einlassen?

Geurts: Ich sehe die Beziehung als etwas Emotionales, als etwas Irrationales, völlig Beklopptes und sehr Schönes an. Ich möchte zu Hause bewusst kein Therapeut sein. Aber natürlich sind mir bestimmte Dinge bewusster. Ich weiß, dass ich mehr auf die Kleinigkeiten achten muss. Das, was ich predige, sich Zeit für den Partner nehmen, nehme ich selbstverständlich ernst.

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