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Die Feuerwehr übernahm eine der Lkw-Sperren an der Kreuzung St. Töniser Straße/Donkring.

Die Feuerwehr übernahm eine der Lkw-Sperren an der Kreuzung St. Töniser Straße/Donkring.

Jecke Entschlossenheit: Die Rathaus-Erstürmung in Neersen 2012.

Friedhelm Reimann, Bild 1 von 2

Die Feuerwehr übernahm eine der Lkw-Sperren an der Kreuzung St. Töniser Straße/Donkring.

S wie Schloss-Stürmungen waren im Laufe der Geschichte meistens keine besonders lustige Angelegenheit. Erinnert sei hier beispielsweise an den Sturm auf das Tuilerien-Schloss, mit dem 1792 der blutigste Teil der Französischen Revolution seinen Anfang nahm. Oder an den Zug der Marktfrauen nach Versailles drei Jahre zuvor. Die Frauen aus dem Hunger leidenden Paris hatten sich im Oktober 1789 an die Spitze eines Protestmarsches gesetzt und waren nach Versailles gezogen, zum prachtvollen Palast von König Ludwig XVI.. Der versprach ihnen Lebensmittellieferungen, doch die Frauen trauten ihm nicht und stürmten sein Schloss. Sie zwangen ihn, nach Paris umzuziehen. So wild ging es zu in den Zeiten der Französischen Revolution.

Ganz anders heutzutage in Neersen. Rund um das Virmondsche Schloss geht es Jahr und Jahr an dem Donnerstag vor Aschermittwoch nur und immer darum, dem Bürgermeister der Stadt Willich – und das ist auch seit Jahren Josef Heyes – die Macht für ein paar tolle Tage zu entreißen.

Das Revolutionäre geschieht in der Stadt Willich nach einer alten Tradition mit festgelegten Ritualen, die in jedem Jahr sehr ähnlich aussehen. Zuständig für den Ablauf ist der Festausschuss Willicher Karneval.

An jedem Altweiberdonnerstag sind es nicht die Marktfrauen, sondern die Gardistinnen, die mit dem Rammbock gegen die dann verschlossene Schlosstüre anlaufen. Stets behauptet der Bürgermeister, „hier kommt ihr nicht rein“. Und doch passiert es immer, dass die erfolgreichen Gardistinnen nach kürzester Zeit das Schloss von innen sehen.

Auch eine Tradition – von den einen sehr, von anderen weniger geliebt – ist es, dass sich Bürgermeister Heyes und die Mitglieder der Verwaltungsspitze kostümieren. Immer kreativ, immer anders. Es wird gerne vorher ein Geheimnis ums jecke Outfit gemacht. In dieser oder jener Verkleidung warten sie hinter den Schlossmauern, um die Stadtkasse gegen Eindringlinge zu verteidigen. Unterstützt werden sie vom Kämmerer. Natürlich! Dem Druck von außen standgehalten hat die Verwaltungsriege allerdings nie lange. Nach dem offiziellen Akt schließt sich Jahr für Jahr ein geselliges Beisammensein im Wahlefeldsaal an. Insoweit ein friedlicher Ausgang einer feindlichen Übernahme.

Die Willicher Variante des Rathaussturms ist eben etwas ganz Besonderes. Denn welche Stadt hat ihr Rathaus schon in einem Schloss? Ree/WD

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