Das Brauchtum soll Weltkulturerbe werden. Die Schützen aus der Region sehen das positiv, hoffen aber nicht auf finanzielle Unterstützung.

Blitzende Äxte gehören auch in Viersen-Rahser zum Schützenfest.
Blitzende Äxte gehören auch in Viersen-Rahser zum Schützenfest.

Blitzende Äxte gehören auch in Viersen-Rahser zum Schützenfest.

Wer den Holzvogel abschießt, kann sich freuen.

Werbung für das Brauchtum ist an vielen Stellen zu finden, etwa in Form von Strohfiguren in Willich–Anrath.

„Augen rechts“ heißt es unter anderem in Kempen-Voesch.

Archiv, Bild 1 von 4

Blitzende Äxte gehören auch in Viersen-Rahser zum Schützenfest.

Kreis Viersen. Was der argentinische Tango und die tibetische Oper in China schon geschafft haben, strebt die Europäische Gemeinschaft Historischer Schützen nun an: Die Aufnahme in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ der Unesco.

Die CDU-Landtagsfraktion hat nun einen Antrag in den Düsseldorfer Landtag eingebracht, in dem sie die Aufnahme des Schützenbrauchtums in das Unesco-Verzeichnis unterstützt. Der CDU-Landtagsabgeordnete Stefan Berger aus Schwalmtal vertritt die Meinung: „Schützen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft, sondern vermitteln gleichzeitig auch Werte und Traditionen. Mit dem Antrag zur Aufnahme in die Unesco-Liste sollen diese Werte dauerhaft geschützt werden.“

Schützen aus der Region sehen den Antrag positiv. Dass dies jedoch Veränderungen für ihr Brauchtum mit sich bringt, glauben sie nicht. „Es ist ein löbliches Anliegen und sinnvoll, um den Schützenbrauch für die Nachwelt zu erhalten“, sagt Franz Anling, Mitglied im Allgemeinen Schützenverein (ASV) Willich. „Ob der Eintrag in die Unesco-Liste jedoch klappt, ist fraglich. Das kann ich nicht sagen.“

Seit 40 Jahren schon bezeichnet Anling den Schützenbrauch als sein Hobby. Jetzt hält er den Zeitpunkt für geeignet, einen Antrag zu stellen. „Auch andere Organisationen wie der Kölner Karneval wollen Weltkulturerbe werden. Vielleicht gelingt das den Schützen dann ja auch“, sagt Anling.

„Wer stimmt mit uns für den Karneval?“

Der Verein Aach Blenge aus Willich-Anrath meldet sich für das Winterbrauchtum zu Wort

Über 570 000 aktive Schützen gibt es nach Angaben der CDU in Nordrhein-Westfalen.

Die Unesco (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) verleiht besonderen Stätten Titel: Weltkulturerbe und Weltnaturerbe.

Auf der Liste des „immateriellen Kulturerbes“ der Unesco finden sich unter anderem der Karneval von Barranquilla (Kolumbien), die Mittelmeerküche, wie sie zum Beispiel in Spanien, Italien und Griechenland zu finden ist, oder die Echternacher Springprozession in dem luxemburgischen Städtchen.

Wolfgang Genenger, Diözesan-Bundesmeister aus Viersen, findet die Idee „wunderbar“ und „toll“, befürchtet jedoch, dass der Antrag „wohl nicht durchgeht“. SPD, Grüne und Piraten haben den Schützen bei der Abstimmung im Landtag ihre Unterstützung verweigert, teilte die CDU in einer Mitteilung mit.

Und: Sollten die Schützen tatsächlich in die Liste aufgenommen werden, würde sich nicht viel ändern, sagt Genenger. „Wir erwarten keine finanzielle Unterstützung. Wir müssen das Brauchtum selbst pflegen und die Menschen motivieren.“

Das sieht auch Karl-Heinz Jacobs so, er ist Mitglied der Grefrather St. Antonius Schützenbruderschaft. „Die Unesco-Liste ist symbolisch zu verstehen. Die steigenden Kosten durch Gema und Auflagen müssen wir selbst tragen“, sagt er. „Seit geraumer Zeit machen wir mit den Schützenfesten ein wirtschaftliches Minus.“ Der Verein wolle neue Wege finden, Geld einzunehmen. Würde das Schützenbrauchtum Weltkulturerbe, wäre dies aber eine Anerkennung für alle Ehrenämtler, findet er.

Theo Kother, Bezirksbrudermeister im Bezirksverband Kempen, zweifelt an der Zukunft der Schützen schon eher. „Das Vorhaben ist gut für uns. Es wird aber nicht helfen, unser Nachwuchsproblem zu lösen“, sagt er. Gerade Vorstandsämter seien immer schwerer zu besetzen.

Entscheidung soll im Herbst fallen

Wie die Europäische Gemeinschaft Historischer Schützen nun weiter vorgehen will, um den Antrag zu bewerben, kann keiner der regionalen Vertreter sagen. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes entscheidet über neue Eintragungen in die Repräsentative Liste auf der jährlichen Tagung im Herbst – bis dahin werden wieder viele Paraden und Umzüge im Kreis Viersen stattgefunden haben.

Derweil meldet sich auch das „Winterbrauchtum“, dessen jeckes Treiben derzeit für volle Säle sorgt, in Sachen Unesco-Liste zu Wort: „Das Schützenfest soll Unesco-Weltkulturerbe werden. Wer stimmt mit uns stattdessen für den Karneval?“ Das hat der Karnevalsverein Aach Blenge (Anrath) auf seiner Facebook-Seite gepostet.

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