Unter St. Sebastian befindet sich Meeressand aus der Eiszeit. Eine Analyse der Geologie Lobberichs.

Lobberich. Hätte man vor dem Bau der Pfarrkirche St. Sebastian vor gut 120 Jahren den Boden eingehender untersucht, hätte man ihn wahrscheinlich 30 Meter weiter nach Osten verschoben. So aber steht der Chor auf feinem Meeressand aus einer Eiszeit, und nicht wie das Kirchenschiff auf dem Schotter der Hauptterrasse. Die Folge: Der Altarraum droht abzusacken. Bei der letzten Renovierung ist schon versucht worden, das mit starken Ankern zu verhindern. Karl Hörnschemeyer ist skeptisch, „ob das auf Dauer gelingt“. So äußerte sich der Studiendirektor i.R. mit Wahlfach Geologie vor dem Heimatverein „Stammtischrunde“, als er über Lobberichs „Untergrund“ sprach.

Das letzte Erdbeben gab es im Jahr 1992

„Das haben wir in der Schule aber anders gelernt“, meinte Jürgen van Hasenhorst, als Hörnschemeyer den „Schlibecker Berg“ („Mit 80 Metern der höchste Punkt zwischen Düsseldorf und Amsterdam“) nicht als Teil einer eiszeitlichen Endmoräne klassifizierte, sondern dem „Viersener Horst“ zuordnete, der sich unmerklich nach oben und „in Richtung Japan“ verschiebt, während Lobberich auf der Bruchkante der „Venloer Scholle“ liegt, die jährlich um 0,3 Millimeter absinkt und nach Westen driftet. Die letzte Endmoräne der letzten Eiszeit, die vor rund 10 000 Jahren hier zu Ende ging, ist in Schaephuysen/Hülser Berg zu bewundern. Die Bruchkante macht sich hin und wieder unsanft bemerkbar. Ein „heftiges Erdbeben“ notierte Pfarrer Mathias Pricken am 4. April 1640, zuletzt bebte die Erde deutlich im Frühjahr 1992.

Das Land hier hat im Laufe von Jahrmillionen mehr als die vier bekannten großen Eiszeiten erlebt, wie beim Bohren eines 120 Meter tiefen Trinkwasserbrunnens im Maarfeld festgestellt wurde. Hörnschemeyer erläuterte anhand eines Schnitts die einzelnen Schichten mit Kies und Schotter, Tegelen-Ton, Reuver-Ton und Meeressanden. Immer wieder tauchen Schotter- und Kiesschichten auf. „Die können nur aus Eiszeiten stammen“, meinte er. Die großen Flüsse Rhein und Maas haben zu Urzeiten viel Gestein angeschleppt. Der aus Lobberich stammende Geologe und Historiker Prof. Dr. Albert Steeger sicherte in „Heimes-Kull“ am Flothend Kieselsteine von der Lahn, Achate und Porphyr von der Nahe sowie Quarzitte und Feuerstein vom Hohen Venn in der Eifel.

Die Nette und ihre Nebenläufe Pletschbach und Ludbach führten in grauer Vorzeit sehr viel mehr Wasser, das es zu Permafrostzeiten schaffte, von der Sonne aufgeweichtes Ufergelände abzuspülen. „So entstanden die Steilhänge in Dyck, im Ingenhovenpark und am Windmühlenbruch“, erklärte Hörnschemeyer.

Unklar ist, wie die Nette den Höhenrücken durchbrach

Er wies auf eine Gemeinsamkeit hin: „Die liegen alle nach Nordosten.“ Diese Situation nutzten die Menschen später zur Ansiedlung. Denn Lobberich entstand als Bachrandsiedlung entlang Pletschbach und Ludbach, die von den Süchtelner Höhen her kommen und heute teilweise versiegt sind. Die fränkische Siedlungsform, jetzt nur 1500 Jahre zurück, erklärte der Pädagoge recht anschaulich: „Mit dem Hintern auf dem Trockenen und mit den Füßen im Wasser.“ Das Vieh wurde in die Wälder getrieben (Ferkensbruch, Kälberweide).

Ungeklärt blieb die Frage, wie es die Nette geschafft hat, zwischen Hinsbeck und Wankum den Höhenrücken zu durchbrechen. Nutzt die Nette einen alten Rheinarm für ihren Lauf zur Niers, oder war die Nette gar schon da, ehe sich der Viersener Horst allmählich hob, sie aber ihre Richtung nicht änderte, sondern das Erdreich beiseite räumte? „Das werden wir nie genau klären können, das werden Vermutungen bleiben,“ sagte Hörnschemeyer, der zum Schluss noch etwas Wasser in den Rheinwein goss: „Von der Geologie her sind wir nicht Rheinländer, sondern Maasländer.“

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