Ein 60-Jähriger steht in Roermond vor Gericht. Offenbar ist ein Streit mit der Gemeinde eskaliert.

Grenzland. An sich wäre es nur eine kurze Nachricht wert: Die Staatsanwaltschaft in Roermond fordert acht Jahre Haft wegen versuchten Mordes. Angeklagt ist Gijsbert R. (60). Dass er im Juni 2012 Molotow-Cocktails und brennende Flüssigkeiten aus dem Fenster seines Hauses in Haelen bei Roermond auf Polizisten geschleudert hat, ist offensichtlich unstrittig. Von der Tat gibt es sogar Filmaufnahmen.

Interessant ist aber, was zu dieser Eskalation der Gewalt geführt hatte. Rund 14 Jahre zuvor kaufte Gijsbert R. mit seiner Frau das Haus, wollte dort mit ihr alt werden. Ob er die Planungen der kleinen Gemeinde nicht richtig studiert hatte – es ließ sich nicht mehr klären. Verantwortliche der Gemeinde erklärten jedenfalls später, es sei zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt gewesen, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein Wohnwagen-Camp entstehen sollte.

Begeistert über die neuen Nachbarn war der nun Angeklagte nicht. Aber erst als diese – um mehr Platz zu gewinnen – Bäume an der Grenze zu seinem Grundstück fällten und auf seine Anzeige wegen des illegalen Abholzens keine Reaktion von der Gemeinde kam, soll es zum „Krieg“ gekommen sein. Das jedenfalls berichteten niederländische Medien.

Es soll Todesdrohungen gegen den Angeklagten gegeben haben

Zunächst also ein Fall für die Rubrik „Maschendrahtzaun“. Allerdings sollen seine Nachbarn in diesem Streit nicht eben freundlich gewesen sein – es soll sogar Todesdrohungen gegeben haben, untermauert durch die geköpften Hühner des Haeleners.

Irgendwann soll R. eine Hecke gepflanzt haben. Die einen sagen, er tat dies auf seinem eigenen Grundstück, die anderen nennen es knapp daneben. Im März 2012 teilte die Gemeinde mit: Die Hecke muss weg. Doch Gijsbert R. ließ sie stehen. Schlussendlich besorgte sich die Behörde einen höchstrichterlichen Beschluss, das Gewächs roden zu dürfen. Dies sollte an jenem Donnerstag im Juni geschehen.

Jetzt muss das Gericht in Roermond ein Urteil fällen. Die Anklage lautet auf versuchten Mord.

Für diesen Tag gibt es mehrere Unklarheiten. Zum Beispiel, ob der Bürgermeister vorher wusste, dass R. über Molotow-Cocktails verfügt und trotzdem seine Mitarbeiter zunächst ungeschützt zum Haus schickte. Zumindest war die geplante Rodung für niederländische Medien kein alltäglicher Vorgang, sie schickten Mitarbeiter zum Haus, um zu sehen, was passieren würde.

Die Männer vom Ordnungsamt kamen ohne Unterstützung nicht weiter, forderten Polizeiverstärkung an. Und irgendwann flogen die brennenden Gegenstände in Richtung der Beamten. Diese haben jetzt im Prozess bereits Schmerzensgeldforderungen angemeldet. Insgesamt möchten sechs Polizisten, die lange körperlich und psychisch unter dem Erlebnis gelitten hätten, 18 500 Euro haben.

Die Geschichte wird jenseits der Grenze kontrovers diskutiert. Rechtspopulisten stilisierten Gijsbert R. schnell zum Helden, zum Mann, der sich gegen die Bedrohung aus dem Wohnwagen-Camp bis zuletzt wehrte. Aber auch die nicht im Verdacht des rechten Populismus stehende „Volkskrant“ veröffentlichte einen Kommentar, der Verständnis für die Wut des Mannes signalisierte: „Er hat immer die Polizei und die Gemeinde um Hilfe gerufen. Ohne Erfolg. Die Polizei tat nichts. Und die Gemeinde noch weniger.“

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