Michel Busse (19) leidet unter der neuro-psychiatrischen Erkrankung. Sie stellt den Viersener vor große Herausforderungen: Seit acht Monaten ist er ohne Job, obwohl er unbedingt arbeiten möchte.

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Michel Busse leidet am Tourette-Syndrom. In der Schule wurde er gemobbt, ging mit Bauchschmerzen zum Unterricht.

Michel Busse leidet am Tourette-Syndrom. In der Schule wurde er gemobbt, ging mit Bauchschmerzen zum Unterricht.

Jochmann, Dirk (dj)

Michel Busse leidet am Tourette-Syndrom. In der Schule wurde er gemobbt, ging mit Bauchschmerzen zum Unterricht.

Viersen. Alle drei Sekunden gibt Michel Busse bedeutungslose Laute von sich, schüttelt den Kopf oder zieht eine Grimasse. Nur für kurze Zeit kann er diese Tics unterdrücken, dann brechen sie gewaltig aus ihm heraus. In der Medizin spricht man von Tic-Entladungen.

Er wiederholt obszöne und aggressive Wörter, Beleidigungen strömen nur so aus seinem Mund. Ein paar Sekunden später ist alles vorbei, der junge Mann gibt nur noch ein leises Räuspern von sich. Der 19-Jährige aus Viersen leidet unter dem Tourette-Syndrom, einer neurologisch-psychiatrischen Erkrankung, die durch das Auftreten von Tics charakterisiert ist.

Mit 14 Jahren die ersten Symptome

Im Alter von 14 Jahren fing er an immer wieder hektisch mit den Augen zu blinzeln. Dazu kamen quiekende Geräusche und vokale Ausbrüche. „Der Kinderarzt schickte uns wieder nach Hause mit der Begründung, das seien kleine Tics, die schon wieder weggingen“, erzählt Anja Busse, Michels Mutter. Ihr fällt es sichtlich schwer, über die Geschichte ihres Sohnes zu sprechen.

Ein halbes Jahr später wurden die Tics schlimmer. Michel fing an, vulgäre Wörter zu schreien. Nach weiteren drei Monaten dann die erschütternde Diagnose: Tourette-Syndrom. „Mit dem Begriff konnte ich überhaupt nichts anfangen“, erinnert sich der junge Mann. Zu dieser Zeit besuchte er die achte Klasse der Hauptschule.

Während er früher ein Schüler mit befriedigenden Leistungen war, wurden seine Noten mit der Zeit erheblich schlechter. Seine Mitschüler mobbten ihn wegen der merkwürdigen Geräusche, die er von sich gab, setzten ihm auch körperlich zu. Mit Bauchschmerzen schleppte er sich zur Schule. „In den Unterrichtsstunden konnte ich die Tics unterdrücken“, erzählt Busse. In der Pause versteckte er sich dann hinter dem Schulgebäude, um sie zu entladen.

Das Syndrom ist benannt nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette. Der Neurologe lebte zwischen 1857 und 1904.

Nach der neunten Klasse wechselte er auf eine Förderschule, aber auch die verließ er schon nach kurzer Zeit. Mit viel Glück bekam Michel Busse einen Praktikumsplatz in einem Zentrallager in Krefeld-Linn.

Im Juni 2010 bekam er eine Festanstellung. Zu diesem Zeitpunkt fühlte er sich wohl am Arbeitsplatz, geschützt vor der Außenwelt, die ihn hänselte und ihm missachtende Blicke zuwarf. Im September des vergangenen Jahres dann der Rückschlag: Der Viersener schleppte sich nur noch quälend zur Arbeit, war antriebslos und traurig. Die Nebenwirkungen neuer Medikamente machten ihm zu schaffen. Letzter Ausweg: freiwillige Kündigung.

Seit acht Monaten ist er nun arbeitslos. Einen Job konnten ihm weder das Krefelder noch das Viersener Arbeitsamt vermitteln. „Dabei möchte ich unbedingt arbeiten, am liebsten als Lagerist“, sagt der 19-Jährige, der immer wieder schüchtern auf den Boden blickt. Sein größter Wunsch ist es, wieder bei seinem früheren Arbeitgeber einzusteigen.

Die Erkrankung ist nicht heilbar

Mit seiner Krankheit hat sich Michel Busse mittlerweile arrangiert, „ich traue mich aber noch nicht, die Tics auch öffentlich zu zeigen“. Die Erkrankung ist nicht heilbar, mit Medikamenten können lediglich die Symptome verbessert werden.

Das wirkungsvollste Heilmittel ist für Busse nach eigenen Angaben Cannabis. „Von der Bundesopiumstelle haben wir die Erlaubnis bekommen, für unseren Sohn Cannabisblüten über die Apotheke zu erwerben“, sagt die Mutter.

So absurd es auch klingt: Nach einem gerauchten Joint verbessern sich die Symptome schlagartig. „Trotzdem ist es kein gutes Gefühl dem eigenen Sohn Drogen auszuhändigen, auch wenn es nur geringe Mengen sind“, sagt die Mutter, den Tränen nahe.

Zumindest gibt sie ihrem Sohn damit für eine kurze Zeit das Gefühl, ein ganz normaler gesunder junger Mann zu sein.

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